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DDEKE – Wochenbett, Babyblues & „was hab ich mir da nur angeschafft?“

2. April 2017

Man hat so eine romantische Vorstellung davon, wie man mit einem Bündel voll Glück das gerade frisch geschlüpft ist, vom Krankenhaus nach Hause kommt. Man selbst erstrahlt in neuem Glanz, weil man die Geburt mit Links gemeistert hat und der Bauch bereits fast verschwunden ist.

Dafür hat man Obenrum derartig prall gefüllte Milchtüten, dass jeder Bedienung am Oktoberfest vor Neid alle 35 Bierkrüge aus der Hand fallen würden.

Das Haus ist blitzeblank; Das Kinderzimmer wartet nur auf seinen neuen Bewohner, alles liegt an Ort und Stelle bereit weil man ja genug Zeit dazu hatte, Wickeltisch und Kommode zu organisieren.

Den ganzen Tag wird gekuschelt, ab und an gestillt und ganz viel geschlafen. Und dieser Neugeborenen-Duft. Aaah. Ganz tief einatmen. Man ist voller Liebe, bekommt viel Unterstützung und Hilfe von der Familie und dem Partner. Bereits im Vorfeld ist man so dankbar, dass man all diese lieben Menschen im Umfeld hat, die einem in dieser Zeit mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die Vögel zwitschern.

Und dann macht es: Wummmms. Und die rosarote Brille rutscht einem von der Nase und zersplittert in all ihre Einzelteile.

Die erste Autofahrt nach Hause war, als hätte man ein Glas Wasser auf dem Dach stehen, das man bei der Fahrt nicht verschütten darf. Man hat plötzlich panische Angst, dass etwas passieren könnte. Und zwar immer.
Die dicken Binden die im Krankenhaus ausliegen hätte man im Nachhinein auch in Großpackungen aus dem Lager klauen sollen. Das einzige, was annähernd an vergleichbarer Größe und Saugkraft zu Hause in Frage käme ist das Daunen-Kopfkissen, aber das braucht man ja noch zum Schlafen. Obwohl – eigentlich tut man das ja sowieso nicht, weil man ständig stillen muss oder Angst davor hat, dass das Kind plötzlich aufhört zu atmen. Aber auch nur so lange, bis es das nächste mal schreit und man sich fragt, was es denn für ein Problem hat. Denn dieses Schreien klingt irgendwie anders als das Letzte. Aber was hat es zu bedeuten? Kann mal jemand übersetzen? Untertitel wären auch ok.

In der ersten Nacht zu Hause mit Baby machte sich plötzlich die Panik breit. Was habe ich mir da nur angeschafft?

Ich liebe dieses Kind, keine Frage. Aber mir wird plötzlich klar, dass ALLES anders ist und für immer sein wird. Ich bekomme es mit der Angst zu tun. Ich schlafe für mein Leben gern und bin so müde wie noch nie. Wieso lässt es mich nicht einfach 48 Stunden am Stück schlafen, wie ich es gerade so dringend bräuchte? Ich würde es so gerne anflehen, aber es wird mich nicht verstehen. Was ich will, muss plötzlich unwichtig sein. Meine Bedürfnisse interessieren niemanden mehr. Aber wieso? Bin ich ab sofort unwichtig?

Unser Bett steht plötzlich an der Wand, damit das Babybett daneben Platz hat und es fühlt sich nicht so an, als würde man zu Hause schlafen. Ich fühle mich fremd in meinen vier Wänden.

Dann der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt: Ich finde mitten in der Nacht Windeln und Feuchttücher nicht.

Ja. Das hat ausgereicht um ein Szenario herauf zu beschwören, das man sonst nur beim Umstyling von Germany’s next Topmodel findet. Übertriebenes, ununterbrochenes Geheule.

Ich fühle mich aus meiner Realität gerissen und es scheint, als könne mir niemand helfen oder mich verstehen. Also weine ich. Tagelang. Was mich so glücklich machen sollte, deprimiert mich einfach nur und ich kann es nicht einmal erklären – weder mir selbst noch jemand anderem.

Dann noch dieses Kopfkino. Hätte mein Mann mich nicht darauf angesprochen, hätte ich wohl niemals darüber geredet. Ich habe mir ständig ausgemalt, wie meinem Sohn etwas schlimmes passieren oder sogar wie ich ihm weh tue. Heute weiß ich: Mein Gehirn kam mit so viel Liebe auf einmal nicht klar und hat diese neuen Gefühle versehentlich in die falsche Schublade sortiert. Aber damals dachte ich, ich sei gestört.

Und dann natürlich noch die Tatsache, dass man nach jeder Benutzung des Badezimmers im Anschluss einen Tatortreiniger bestellen möchte. 

Vielleicht gehe ich irgendwann einmal näher auf diese Thema ein, wenn ich mein erstes Buch im Stil von „Feuchtgebiete“ veröffentliche.

DAS ist es also? So fühlt sich die frisch gebackene Mutter eines gesunden Jungen? Mehr hast du nicht zu bieten, Leben? Schlaue Tipps von Verwandten, die niemand braucht? Andauernd Besuch von Leuten, die nicht mehr gehen wollen? Ein schreiendes Kind? Schmerzende Brustwa.. ach was – Schmerzen am ganzen Körper? Angst? Paranoia? Augenringe?

Doch. Keine Angst. Heute lache ich darüber, weil ich weiß, dass es sich gelohnt hat.
Man findet sein Tempo, eine Routine und irgendwann kramt man sogar wieder seine Genitalien hervor, staubt sie kurz ab und bekommt wieder Lust, diese zu benutzen.
Der Körper nimmt mehr oder weniger alte Formen an. Man kann seine Füße wieder sehen, seine Schuhe selbst binden und wieder richtige Hosen mit Reißverschluss tragen. Das Baby entpuppt sich als cooler Typ und wird zum allerbesten Freund der Welt.

Auch wenn das Wochenbett wesentlich kräftezehrender war als die Geburt an sich weiß ich: alles wird gut. Und noch besser.

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9 Comments

  • Reply Juli 2. April 2017 at 11:35

    …irgendwann kramt man sogar wieder seine Genitalien hervor, staubt sie kurz ab und bekommt wieder Lust, diese zu benutzen. 🤣
    Herrlich! Und die Stelle mit dem nicht mehr gehen wollenden Besuch🙄 #dingediedieweltnichtbraucht

    • Reply admilf 2. April 2017 at 13:49

      Danke du Liebe 🙃

  • Reply Julia 2. April 2017 at 13:07

    „Und dann natürlich noch die Tatsache, dass man nach jeder Benutzung des Badezimmers im Anschluss einen Tatortreiniger bestellen möchte“ #dingediemanganzschnellwiedervergessenmöchte 😂 Bitte schreib dieses Buch. Dann wissen all die Neu-Mamas endlich mal was wirklich so untenrum ab geht nach der Geburt 😂🙈

    • Reply admilf 2. April 2017 at 13:50

      Okidoki! Räumt schon mal die Bestseller-Regale leer! Mösi is coming!

  • Reply Sina 2. April 2017 at 15:08

    Genial geschrieben 😁 wie alles hier. 👍

  • Reply la_floralie 3. April 2017 at 7:29

    Oh ja! Und wo waren eigentlich die guten Verwandten, die einem leckeres Essen in dieser Zeit vorbei bringen sollten? Ich habe mich im Wochenbett nur von Toffifee ernährt. Wer hätte auch kochen sollen? Eltern waren ja beide komplett (über-) fordert. Und dann nach 3 Wochen der Moment als wir mal abends den Fernseher angeschaltet haben! Als gäbe es in der Welt noch etwas anderes als unser Baby!!
    Und dann nach Wochen als Highlight der erste Spaziergang mit Kind. Natürlich nur 250m raus vor die Haustür… Haaach ja… ich fühle mich erinnert! Danke 😉

  • Reply la_floralie 3. April 2017 at 7:32

    Ach ja!! Noch was….
    Und von wegen die Pfunde purzeln nur so… ja die ersten Tage und dann??? Musste man trotzdem noch weiter Umstandshosen tragen….😨😤😩 in meinen Kopf wollte ich all das hässliche Zeug wieder in dem Keller schaffen – sofort nach Einzug des holden Kindes. Tzzz….

  • Reply Astrid 3. April 2017 at 11:43

    Ich kann zwar noch nicht mitreden aber es liest sich super! Kannst echt gut schreiben! 🙂

  • Reply Doris 1. November 2017 at 23:38

    Das könnte auch meine Geschichte sein. Man bekommt es ja überall so rosig und romantisch verkauft, bis man in der Realität landet.

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