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Erzieherin trotz Angststörung – Lebensmut dank Arbeit mit Kindern

17. Juli 2017

Alles fing ganz unscheinbar an: ich wollte nicht gerne fliegen, das Fahrstuhlfahren meiden, nicht gerne alleine sein oder lieber mit Freunden in die Stadt gehen, als alleine, viele kennen das. Und es ist auch erstmal kein Grund zur Sorge.

In der Summe können solche unscheinbaren Verhaltensweisen aber zur Horrorstory werden.

Nämlich dann, wenn du nach und nach deinen Alltag und somit dein ganzes Leben so legst, dass du dich diesen Situationen nicht mehr stellen musst. Denn dann ist es womöglich schon zu spät.

So war es bei mir der Fall: Ich bin 18 Jahre jung, habe eine wundervolle Mutter, ein schönes Zuhause, Freunde, bereits eine abgeschlossene Ausbildung zur Sozialassistentin und stehe gerade in den Startlöchern der Ausbildung zur Erzieherin. Soweit, so gut.

Zu Beginn der Erzieherausbildung hatte ich aber endgültig alle Selbstbestimmung verloren. Die Angst bestimmte mein Leben und ich investierte all meine Kraft, um Dinge die mir Angst machten um jeden Preis zu meiden.

Es begann ein endloser Teufelskreis aus dem ich alleine nicht mehr raus kam, wie ich schmerzlich erleben musste.

Wie ist es, wenn man keinen normalen Alltag mehr hat? Wenn man alles genaustens planen muss um keinesfalls alleine zu sein? Wie kommt man zur Schule, wenn man aus Angst kein Bus mehr fahren kann, auch das Autofahren der Horror war und es zu Fuß zu weit war?

Wie soll man zum Arzt gehen, wenn man nicht weiß, wie man dort hinkommt und es nicht schafft dort zu warten bis man dran kommt, weil die Angst in einem brodelt?
Wie soll man zur Schule gehen, wenn man es nicht aushält im Klassenraum „eingesperrt“ zu sein und sich kaum mehr auf den Unterricht konzentrieren konnte, weil man ständig schaut wie schnell das Herz schlägt und ob sich etwas am Körper verändert? Wie soll man selbstständig werden, wenn man noch nicht mal alleine Zuhause bleiben kann?

Nichtmal zum 400 Meter entfernten Supermarkt konnte ich alleine gehen – bereits der Weg dahin war schrecklich, aber spätestens wenn ich an der Kasse stand, machte ich wieder Bekanntschaft mit Schweißausbrüchen, kribbeligen Körperteilen und schwerer Atmung. Panik.

Das schlimmste an der Situation war für mich übrigens, dass so gut wie niemand davon wusste. Nahezu unglaublich. Das war auf jeden Fall die Anstrengung die dieses Geheimnis mit sich brachte. Ich habe selber nicht glauben wollen, dass es nun so schlimm ist und die Angst allmählich mein Leben komplett eingenommen hat. Immer habe ich alles so verpackt, dass es keineswegs auffällt und niemand merkt, dass ich nicht immer stark bin.

Ich begab mich zügig in Therapie, denn wenn ich eins wusste, dann dass es so nicht mehr weiter geht.

Die Einschätzung meiner Therapeutin: „Da es bereits so schlimm mit Ihren Ängsten ist, rate ich Ihnen zu einer stationären Therapie. Anders wird es sehr schwer sein, Ihnen zu helfen“.

Das saß. Mein erster Gedanke war, dass ich auf keinen Fall meine Ausbildung abbrechen werde, weil es mein Traumberuf war und ich „keine Schwäche zeigen wollte“. Fachklinikum Tiefenbrunn – aus meiner damaliger Sicht die Endstation – doch heute kann ich stolz behaupten, dass die Klinik die beste Entscheidung meines Lebens war.

Die Diagnose war hart.

„Agoraphobie mit Panikstörung, ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsentwicklungsstörung und rezidivierende depressive Störung, gegenwärtige mittelgradige Episode“.

11 Wochen, 80 Tage, habe ich mit ärztlicher Unterstützung hart an mir und meinen Ängsten gearbeitet, viel trainiert und mich ganz bewusst immer wieder und wieder den gefürchteten Situationen ausgesetzt. Das wichtigste aber: ich habe endlich wieder herausgefunden, wer ich bin, was ich möchte und vor allem, was nicht. Ich habe wieder Freude an Dingen entwickelt und die Hoffnung, dass ich mit und mit wieder ein „normales“ Leben führen kann, erfüllt und nach meinen Wünschen, so wie früher.

Doch es gab in all den schlechten Zeiten, an jedem einzelnen Horrortag immer einen letzten Lichtblick: Kinder.

Ich liebe meinen Beruf und wusste schon sehr früh, dass ich eines Tages unbedingt in diesem Berufsfeld tätig werden möchte. Am liebsten arbeitete ich in Krippen, also mit Säuglingen, Babys und Kleinkindern. Das war schon immer eine Arbeit, in der mir das Herz aufging.

Diese kleinen Wesen, die immer ehrlich mit dir sind und deren Lächeln alles vergessen macht, sind aus meiner Sicht das Kostbarste auf dieser Welt, deshalb arbeite ich unter anderem seit Jahren als Babysitterin und zusätzlich im Familienunterstützenden Dienst der Lebenshilfe, u.A mit autistischen Kindern.

Wenn ich auf meine Babysitter-Kinder aufgepasst habe, war alles vergessen. Sie gaben mir so viel Kraft und haben mir gezeigt, dass es sich immer lohnt weiter zu kämpfen.

Ich begleite nun ein Kind seit es sieben Wochen alt ist, mittlerweile ist sie zwei Jahre alt und es gab Zeiten da war ich mehrmals die Woche bei ihr. Nie bin ich gerne feiern gegangen, Alkohol habe ich sowieso nicht getrunken und niemand konnte verstehen, wieso ich Samstagabends lieber babysitte statt weg zu gehen. Mich hat das viel mehr erfüllt, als alles andere.

Auch heute, wo alles schon viel besser funktioniert und die Angst nicht mehr meinen Alltag bestimmt, verbringe ich die meiste Zeit mit Kindern, egal ob in der Freizeit oder aufgrund des Nebenjobs und es macht mich immer wieder glücklich.

Das wichtigste aber ist, dass ich wieder ich selbst sein kann und auf dem besten Weg der Besserung bin. Natürlich habe ich noch nicht alles hinter mich gebracht, aber ich arbeite hart daran der Angst keine Macht mehr über mein Leben zu verleihen.

Die Ausbildung habe ich während des Klinikaufenthaltes übrigens vorübergehend unterbrochen. Daher starte ich im kommenden Schuljahr mit neuen Kräften und brandneuem Selbstbewusstsein in das Ausbildungsjahr, wodurch ich meinem Traumberuf wieder einen Schritt näher komme.

 

Bildquelle: gratisography.com

 

Wir wünschen dir, liebe Giuliana, alles Liebe und Gute und bedanken uns, dass du deine Geschichte mit uns geteilt hast! Wer Giuliana folgen möchte, findet sie hier auf Instagram

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