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Familiengründung – der schmale Grat zwischen Entfremdung und totaler Verbundenheit

17. September 2017

Lange hab ich überlegt, ob ich über dieses Thema schreiben soll. Denn irgendwie ist es ja intim. Die eigene Beziehung. Niemand hausiert gerne damit, was sich hinter verschlossenen Haustüren abspielt. Doch genau deshalb gehört es hierher und genau deshalb schreibe ich heute darüber.

Mein Freund und ich waren fast genau 2 Jahre zusammen als sich Milan als zweiter rosa Streifen ankündigte.

Wir waren ein unternehmungslustiges Paar, viel unterwegs, viel unter Freunden und doch genossen wir gerne unsere Zweisamkeit.

Schon bevor wir ein Paar wurden, waren wir mehr oder weniger zusammengezogen. Wir waren uns also alles andere als fremd.

Mit der Schwangerschaft begann sich die Beziehung zu verändern. Nicht negativ. Sie war einfach anders. Ich – vollkommen hormongesteuert und immer runder werdend – investierte den Großteil meiner Zeit in die Recherche nach der perfekten Wickelunterlage und vernachlässigte ihn, während mein Partner trotz riesiger Vorfreude auf das gemeinsame Baby nur sehr schwer tatsächlich realisieren konnte, was da auf uns zukommen würde.

Ich empfand, als würde ich so viel mehr in unser Kind investieren. Nicht finanziell, sondern emotional und genau deshalb fühlte mich oft alleine, auch wenn er sich stets die größte Mühe gab:

mich beim Stramplershoppen begleitete, fleißig über Namen diskutierte, die Pros und Contras von Pucksäcken abwägte und bei jedem Ultraschalltermin sentimental wurde.

Im Nachhinein würde ich sagen, es wäre vielleicht besser gewesen, meinen Unmut über seine teilweise unbedarft wirkende Art zu äußern, aber irgendwie hatte ich immer Verständnis. Und das habe ich auch noch immer. Während wir als Frauen unsere Veränderungen spüren, das Baby wachsen fühlen und unsere Hormone uns von ganz von alleine auf die näherrückende Ankunft des Nachwuchses vorbereiten, bleiben werdende Väter die, die sie auch vor der Schwangerschaft waren – nur mit dickerer Freundin.

Wie sollen Männer verstehen und begreifen was da passiert, wenn alles, was sie wahrnehmen können alienartige Beulen sind, die aus dem Bauch ihrer Frau kommen? Wie sollen sie ungehemmt Freude zeigen, wenn alles, was sie mal begehrt haben plötzlich anders aussieht? Es ist ihnen einfach nicht möglich. Nicht wie uns.

Und genau deshalb wusste ich auch immer, dass es falsch war, sich alleine zu fühlen und dennoch war es genau das, was ich empfand.

Ein solches Gefühl kannte ich weder aus dieser Beziehung, noch aus denen davor – alles war plötzlich neu. Und auch wenn die Emotionspalette unserer Beziehung vor der Schwangerschaft sehr breitgefächert war, war mir „Einsamkeit“ neu. Doch zur Einsamkeit gesellte sich immer wieder auch ein anderes Gefühl: der Neid.

ER konnte weiterhin Sport machen, essen was er wollte, feiern, trinken, rauchen. ER ging auf die Arbeit, die ich so sehr vermissste und ich? Ich lag mit einem Beschäftigungsverbot RTL II glotzend und Hobbys erfindend auf der Couch und stumpfte mental völlig ab. Ich hatte das Gefühl, unser Einsatz sei nicht der gleiche und das machte mich wütend und neidisch.

Ein doofes Gefühl, für das ich mich hasste. Frauen bringen die Kinder auf die Welt und nicht Männer. Das war der Lauf der Natur. Er konnte gar nichts dafür, dass ich diejenige war, die flach lag und auch wenn ich das wusste, änderte das nichts an meinem Empfinden.

Heute, zwei Jahre später, denke ich, dass die Schwangerschaft unserer wunderbaren zweisamen Welt zugesetzt hat. Uns wie ein unsichtbares Band einerseits für immer miteinander verbindet und uns doch ein Stück voneinander entfernte, unbewusst und doch merklich.

Und dennoch gehört meine Schwangerschaft rückblickend mit zur schönsten Zeit überhaupt.

Der Neid und das unbehagliche Gefühl waren verflogen, als Milan auf die Welt kam. In keinem Moment in meinem ganzen Leben war ich je glücklicher als in den ersten Monaten nach der Geburt, auch wenn Schlafmangel, Hormonabfall und Stillbeschwerden mich oft zum Heulen brachten.

Doch das Wichtigste war: wir waren eine Familie. Aus Zweien waren Drei geworden. Aus zwei Avocadohälften eine Ganze – mit einem perfekten, wunderschönem Kern: unserem Milan.

Wir schliefen zu dritt, wir aßen zu dritt, kuschelten zu dritt und badeten zu dritt. Alles, was wir sagten und machten drehte sich plötzlich nur noch um unser Kind. Wann hat es gekackt, wann hat es gegessen, wann hat es geschlafen und guck wie süß es aussieht, wenn es einen Koala-Anzug trägt. Selbst wenn er schlief und gar nicht im Raum war, schauten wir Bilder von ihm an, grinsten und freuten uns über unser Glück als Familie. Es war so perfekt.

Und so ging es weiter Tage, Wochen, Monate und nichts störte uns daran. Doch dann kam der Abend an dem wir das erste Mal alleine aus waren: 7 Monate nach Geburt unseres Sprösslings: nur wir zwei – als Paar.

Ich war wirklich nervös. Wir hatten ein DATE ( *omg*) und glaubt mir : genauso fühlte es sich an. Ich stand vorm Kleiderschrank und überlegte, was ich anziehen sollte. Ich fühlte mich unsicher und war aufgeregt.

Im Restaurant angekommen wurde es nicht wirklich besser. Es war holprig von Anfang bis Ende. Wie sagt man so schön? Wir wussten nicht so recht wohin mit unseren Eiern. Ich glaube ich kann mich nicht erinnern, dass wir uns ein einziges Mal in der Zeit unseres Kennenlernens so verdammt dumm angestellt haben. Alles was fehlte war das Grillenzirpen und die dämliche Wartemusik aus Billosendungen der Privaten Sender. Spaß! Ganz so wild war es nicht, aber wie ihr wisst, dramatisiere ich gerne.

Irgendwie stand ich auf dem Schlauch. Kam er von der Arbeit nach Hause, ging mein Göschlein auf und zu, auf und zu und auf und zu. Doch in diesem verdammten Restaurant hatte ich keine Ahnung, was ich sagen sollte. Hatten wir über all das Familien-Dasein verlernt ein Paar zu sein?

Vielleicht. Vermutlich. Die Freude über unser Baby, über unser Familienglück, der Hormonwirrwarr, das Gefühl des Alleinseins in der Schwangerschaft und das ständige Gespräch über unseren Nachwuchs haben uns verändert. Sind wir deshalb kein gutes Paar mehr? Doch – schon. Doch wir sind jetzt anders und das zu akzeptieren und daran zu arbeiten ist kein Kinderspiel. Es ist furchtbar anstrengend, Kräfte zehrend und es nervt. Manchmal möchte ich einfach zurück, zurück an den Punkt, wo Paarsein noch einfach war. Einfach und selbstverständlich, wo Aufgeben keine Option war.

Was ich eigentlich sagen will? Folgendes: Eine Familie zu gründen und ein Kind in die Welt zu setzen ist eine absolute Leichtigkeit verglichen dazu, diese gegründete Familie am Laufen zu halten.

73 % aller unverheirateten Elternpaare trennen sich. 40 % davon noch im ersten Lebensjahr. Ja, eine Kind zu haben ist eine absolute Belastungsprobe für jede Beziehung, denn so circa alles, was einen bisher ausgemacht hat verändert sich. Es ist ein schmaler Grat zwischen Entfremdung, Intimität und Familienleben und es ist eine tägliche Herausforderung auf ihm zu wandern.

Warum ich meine Geschichte nun doch erzählt habe? Weil sie wahr ist und bestimmt kein Einzelfall. Ich glaube, dass es da draußen viele Frauen gibt wie mich und Männer wie Sebastian. Die eigentlich wissen, was sie an einander haben und wollen, dass das Modell Familie läuft, manchmal aber nicht so genau wissen wohin mit ihren Eiern.

Verschließt euren Blick nicht vor eurem Mann als Mann (und für alle männlichen Leser nicht den vor eurer Frau als Frau). Verliert euch nicht in eurer Elternrolle, sondern setzt eure rosarote Brille auf und sucht nach dem Funken, der aus zwei Singles einst ein Paar machte. Damit eure Familie eine Familie bleiben kann.

 

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15 Comments

  • Reply Anna 17. September 2017 at 12:37

    Oh ja. Wir haben uns als paar komplett verloren, jetzt sind wir (beste) Freunde. Bei uns ging es sogar noch schneller, 1/2 Jahr zusammen, schwanger, Hochzeit, Kind ist da. Jetzt sind wir 2,5 Jahre zusammen, 1 Jahr und 11 Monate davon zu „dritt“. Ich bereue es nie nie nie schwanger geworden zu sein, aber dadurch habe ich keinen Mann mehr. Wir hatten noch nicht mal wirklich Romantik gehabt in dem halben Jahr Beziehung und jetzt ist dieses Romantik bereits zerschossen und tot. Ich glaube es kommt auch nicht mehr wieder. Das macht mich wirklich unglaublich traurig. Er sagt, er sieht es als normal an, und ich soll mich mal nicht so haben. Naja hoffen wir, dass wir nicht zu den 73 % gehören und wir uns irgendwann mal wieder als Mann und Frau lieben lernen, und nicht als Mama und Papa. … Danke für den Text Nadja!!

    • Reply Nadja 21. September 2017 at 9:48

      Hallo Anna,

      ich glaube das Problem, das Du und dein Mann habt, haben viele Paare, bei denen es nach dem Kennenlernen sehr schnell geht. Auch, wenn man über die Entwicklung mit Sicherheit nicht unglücklich ist, denn ein Kind ist ja etwas wunderbares, finde ich es für diese Paare immer sehr traurig, dass es ihnen nicht vergönnt war Romantik, Zweisamkeit und ein wirkliches Kennenlernen zu durchleben. Gerade in den ersten 2-3 Jahren ist das Thema Liebe und Zweisamkeit ja eigentlich noch sehr wichtig… Ich wünsche Dir, dass ihr euch noch kennenlernen könnt, besser, anders, und Romantik erfahrt, vielleicht wenn euer Kind etwas älter ist.

      Verlier dein Ziel nicht aus den Augen! Auch, wenn dein Mann das für normal hält, was es in Anbetracht dieser Kommentare und der Reaktionen auf meinen Text durchaus ist, ist nichts verkehrt daran sich etwas anderes zu wünschen!

      Alles Glück für die Zukunft!

      LG Nadja

  • Reply Alexa 17. September 2017 at 13:29

    Danke für deine ehrlichen Worte! Mit zwei Kindern war es schon schwer, die Paarbeziehung aufrecht zu halten, ich habe mich währenddessen oft einsam und alleinerziehend gefühlt. Dann kündigte sich überraschenderweise Kind Nr. 3 an. Wir haben für uns gekämpft, jeder auf seine Weise, der eine mehr, der andere weniger. Aber im Nachhinein betrachtet nie gemeinsam. Als Nr. 3 dann 8 Wochen alt war, entschied sich mein Expartner für ein neues Leben. Leider haben wir die Gradwanderung nicht geschafft. Viel Glück!

    • Reply Nadja 21. September 2017 at 9:44

      Hallo Alexa,

      ich habe großen Respekt, dass ihr versucht habt füreinander zu kämpfen, denn ich kann mir gut vorstellen, dass ein Leben mit 3 Kindern genug fordert, sodass kaum mehr Kraft dafür übrig bleibt.
      Meine Achtung dafür! Schade, dass ihr es dennoch nicht geschafft habt, aber vielleicht soll es manchmal einfach nicht sein.

      Für dich weiterhin alles Gute!

      LG Nadja

  • Reply Henrike 17. September 2017 at 19:52

    Liebe Nadja,
    besser hätte man es nicht in Worte fassen können. Eine nahezu perfekte Beziehung, die man aufgibt, wenn man eine Familie gründet. Niemals wollte ich das wahrhaben. „Ein Kind ist das, was eure Liebe krönt.“ Ja, das stimmt schon irgendwie. Es könnte aber auch heißen: „Ein Kind ist das, was eure Liebe killt.“
    Versteh mich nicht falsch. Ich liebe unsere Tochter und bereue nichts. Sie ist das Beste und Wertvollste in meinem Leben.

    Ich habe ihn geliebt, ein Kind mit ihm bekommen, ihn geheiratet, bin mit ihm ein tolles Elternpaar gewesen und habe ihn am Ende verloren. Nach fast 2 Jahren macht es mich noch immer unfassbar traurig, die Liebe meines Lebens verloren zu haben und dass unsere Liebe daran zerbrochen ist, gute und liebende Eltern sein zu wollen. Zu keinen Zeitpunkt bereue ich dieses wundervolle kleine Mädchen mit ihm zu haben, aber ich bereue zutiefst, mir seiner Liebe so sicher gewesen zu sein, dass ich einfach zu wenig für uns als Paar getan habe. Unsere Liebe ist verschwunden. Wir haben nebeneinander her gelebt und am Ende ist er in eine andere Richtung abgebogen. Ohne mich. Ich suche nun den Weg ohne ihn und es ist verdammt hart.

    • Reply Nadja 21. September 2017 at 9:41

      Liebe Henrike,

      es tut mir leid zu lesen, dass ihr den gemeinsamen Weg nicht mehr gefunden habt. Ich denke allerdings, dass es so etwas ganz oft gibt und dass auch unheimlich viele Paare so denken. Ich denke jedes Paar ist sich einig, dass das gemeinsame Kind das Beste und Wertvollste im Leben ist und dennoch können mit Sicherheit viele sagen, dass sie sich auf dem Weg den gemeinsamen Nachwuchs großzuziehen verloren haben. Gerade den Punkt des “ zu sicher fühlens“ kann ich gut nachempfinden. Gerade wenn man vorher eine sehr stabile und eingespielte Beziehung hatte, ist man durchaus ja auch verleitet sich seiner Sache zu sicher zu sein und dann geht es meist steil bergab.

      Auch, wenn ein Leben als Alleinerziehende mit Sicherheit kein Zuckerschlecken ist und es immer wieder unheimlich schmerzvoll ist und traurig ist, halte ich persönlich eine Trennung dennoch immer für besser als unglücklich nebeneinander herzuleben.

      Dir für die Zukunft nur das Beste! LG Nadja

  • Reply Käthe 17. September 2017 at 21:33

    Danke! Danke für den gelungenen Beitrag. Und ich bin sicher sehr viele inklusive mir finden sich wieder!

    • Reply Nadja 21. September 2017 at 9:35

      Liebe Käthe,
      es freut mich, dass er auch Dir gefällt. Ich hatte tatsächlich nicht gedacht, dass er so gut ankommen würde und sich so viele Frauen in meiner Gedankenkotze wieder finden.

  • Reply Kathrin Hering 18. September 2017 at 0:03

    Deine Story klingt wie meine…manchmal würde ich am liebsten alles hin schmeißen..weiß aber was ich an meinem Freund habe und unser Zwergi war ein absolutes Wunschkind!es muss halt jeder bisschen zurück stecken..das kind steht im Vordergrund..für Männer nicht immer so zu verstehen!wir haben halt keine Omas hier in greifbarer Nähe deswegen gibt’s Zweisamkeit nur wenn er schläft!unser 1 Date nach dem Baby wird noch ein bisschen dauern aber ich finds nicht schlimm wir genießen unsere Zeit zu dritt!

    • Reply Nadja 21. September 2017 at 9:34

      Hallo Kathrin, da verstehe ich Dich gut. Hinschmeißen ist im Endeffekt der einfachste Weg und dennoch: man weiß ja, was man am anderen hat und man hat ihn sich ausgesucht , zu irgendeinem Zeitpunkt im Leben und das aus guten Gründen. Ich glaube es ist nicht so wichtig, wie oft man sich diese Zweisamkeit gönnen kann, sondern dass man sie sich überhaupt „genehmigt“ und sie dann auch wirklich nutzt. Alles Gute für euch!

  • Reply Juli 18. September 2017 at 20:09

    Mag ich sehr, deinen aufrichtigen und reflektierten Text. Ich habe das Gefühl, manchmal ist es nur ein Durchhalten, ein Aushalten, Pragmatismus und nebeneinander Herleben. Und dann muss man sich hin und wieder tatsächlich willentlich bewusst machen, dass man gewählt hat: die Familie, aber eben auch den Mann. Und den zuerst. Und wie heiß man den Typen doch mal fand. Dann kommt er plötzlich von der Arbeit nach Hause und ich denke mir, „Alter!?! Siehst du gut aus!!!“ Das sag ich ihm. Und bin selbst erleichtert, mich immer wieder dafür zu entscheiden, ihn auch so zu sehen.

    • Reply Nadja 21. September 2017 at 9:32

      Da hast Du Recht. Manchmal hat man das Gefühl man lebt da so vor sich hin. Mit seinem besten Freund, mit dem man da den Nachwuchs produziert hat und es ist unheimlich anstrengend sich manchmal bewusst zu machen, dass man diesen Kerl ja ausgesucht hat. Und das auch aus bestimmten Gründen. Seltsam, wie schnell sich alles ändern kann.

  • Reply Birte 21. September 2017 at 8:00

    Irgendwie traurig, dass es so vielen so geht. Und so schön, dass es dann viele doch schaffen. Ich hoffe, wir gehören dazu

    • Reply Nadja 21. September 2017 at 9:30

      Das hast du treffend formuliert. Erschreckend und doch tröstlich! Ich drücke Dich und Euch die Daumen !

  • Reply Alina 16. Januar 2018 at 21:46

    So wahr. Ich danke dir dass du die Geschichte geteilt hast, man fühlt sich so oft allein damit und weiss durch solche Beiträge, wie vielen es ähnlich geht. Wie sehr das erste Jahr der Dreisamkeit an den Nerven und der Beziehung zerrt..

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