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Not-Kaiserschnitt ohne Betäubung – zwischen Mettbrötchen und Massaker

6. Juni 2017

Endlich schwanger! Die Freude über diese Nachricht war riesig. Und gleichzeitig die Erkenntnis: Es rauszubekommen macht nicht halb so viel Spaß wie rein. Ich bin ein Planer. Zumindest habe ich ein Grundbedürfnis nach Vorhersehbarkeit.

Sternzeichen Jungfrau, Aszendent Monk.

Bei mir muss alles in geregelten Bahnen verlaufen. Ich will wissen, was mich erwartet und mag keine Veränderungen. Das gibt mir Sicherheit. Ich mag geregelte Essens- und Schlafenszeiten (weshalb mich die spanische Verwandtschaft oft schon an den Rand des Wahnsinns getrieben hat. Wenn man da beispielsweise um 20.00 Uhr zum Essen verabredet ist, kann man davon ausgehen irgendwann zwischen 21:00 Uhr und halb eins am nächsten Morgen zu essen).

Doch zurück zum Thema. Planbar, Vorhersehbar, Geburt, Kind… Finde den Fehler.

High von den Schwangerschaftshormonen, lebte ich also noch in meiner rosaroten Wolke. Und es gibt zahlreiche Institutionen, die sich genau an Frauen wie mich richten. Krankenhäuser bieten Führungen durch die Geburtsstationen an, werben um Patientinnen, die es nicht besser wissen. Und ja, ich bin drauf reingefallen! Ich habe mir zahlreiche Krankenhäuser angesehen, Geburtsstationen und Kreissäle, die eingerichtet waren, wie ein gemütliches Wohnzimmer. Fehlte nur der Fernseher (Hey, wäre vielleicht ja mal ‘ ne Anregung!).

Ich habe einem Geburtsvorbereitungs-Vortrag bei einem berühmten Frankfurter Professor gelauscht.

Ein Highlight für werdende Mütter und Väter, die mit Cola und Popcorn bewaffnet den, zugegebenermaßen sehr unterhaltsamen, Ausführungen des schauspielerisch sehr begabten Professors lauschen. Die Geburt, quasi als abendfüllendes Unterhaltungsprogramm. 

Ziel der Ausführungen ist es, auf den Tag der Geburt vorzubereiten und bei der Auswahl des „richtigen“ Krankenhauses (am besten also dem Krankenhaus des Professors) zu helfen. Er hechelte theatralisch, presste und „Schwupps“, war das Baby da- ohne größere Schmerzen natürlich. Ich war mir sicher, dass wenn ich mich nur an seine Vorgaben hielte, mich also in den letzten Wochen vor der Geburt Zuckerfrei ernährte (das soll, ganz vereinfacht formuliert,  angeblich schmerzunempfindlicher machen und die Geburt schneller vorangehen lassen), während der Wehen bewusst atmete und eine, der Schwerkraft förderliche Geburtsposition einnehme, das Ganze (Achtung Wortspiel!) ein Kinderspiel sein würde.

Ich habe mich schon im pastellfarben gestrichenen Einzelzimmer in duftender Bettwäsche mit meinem selig lächelnden Baby liegen sehen, welches ich selbstverständlich unter minimalsten Schmerzen, ähnlich Menstruationsbeschwerden oder Bauchschmerzen nach einem exzessiven Kuchen und Pizzagelage, dank gut sitzender PDA in einem überschaubaren Zeitrahmen von sagen wir mal etwa 4-5 Stunden auf natürlichem Wege gebäre. Das Baby lächelt mich an, ich lächle zurück und alle Anstrengung ist vergessen…

Und dann bin ich aus diesem Traum erwacht.

Was einem niemand sagt: Es ist völlig egal, in welcher Farbe der Kreissaal gestrichen ist, im Moment der Geburt dachte ich jedenfalls an alles andere, nur nicht an hübsche Blümchentapeten oder stimmungsvolles Licht.

Mein erstes Kind, das stand bald fest, hatte es sich so richtig gemütlich gemacht in meinem Bauch. Sitzend, mit dem Kopf nach oben. Und daran würde sich aller Voraussicht nach bis zur Geburt auch nichts ändern.  Es gab also zwei Möglichkeiten: Kaiserschnitt oder Steißgeburt. Heißt: das Kind kommt mit den Gesäß voran zur Welt. Da man in Frankfurt darauf spezialisiert ist und der berühmte Professor sich solcher Patienten persönlich annimmt, dachte ich darüber nach. Und als er mir dann, nachdem mein Becken vermessen und Größe und Kopfumfang des Babys als ideal bewertet wurden, zu einer natürlichen Geburt riet („ Kaiserschnitt ist viel gefährlicher für Mutter und Kind und hat einen negative Einfluss auf die Mutter-Kind- Bindung“), stimmte ich zu.

Zur Sicherheit versuchte ich noch eine äußere Wendung des Kindes, die nicht nur sinnlos, sondern auch äußerst schmerzhaft war.

Dabei versucht ein Arzt von außen, das Kind in die richtige Position zu „schieben“. Half nix. Nicht zu empfehlen! Dann irgendwann, etwa 6 Tage nach dem errechneten Geburtstermin ging’s los. Fruchtblase platzt. Ich noch total entspannt, erst mal geduscht, einen Teller Linsen gegessen, man will ja gestärkt sein, während der Mann bereits einen halben Herzkasper hat und vor Aufregung schwitzt, als müsse er das Kind bekommen. Dann ab ins Krankenhaus. Wehen noch in moderaten Abständen. Wegen der Steißlage, sollte ich aber dennoch direkt kommen. Alles wird überprüft, Kind in Ordnung, wir dürfen noch „spazieren gehen“. Weit kommen wir nicht, die Schmerzen werden immer stärker. Wir haben Glück, ein Wehenzimmer ist frei.  Und dieses sollten wir für die nächsten 24 Stunden nicht mehr verlassen.

Nach etwa 5 Stunden Schmerzen bekomme ich eine PDA. Ich lasse mal die langweiligen Details wie Muttermund und so weiter aus. Jedenfalls habe ich Wehen, die ganze Nacht. Und den ganzen nächsten Tag. Und  den nächsten Abend. Zwischendurch schaut immer mal jemand nach dem Rechten. Nach etwa 24 Stunden Wehen, geht alles ganz schnell. Die Geburt schreitet nicht voran.

Die Herztöne des Kindes verschlechtern sich rapide. Ein Notkaiserschnitt. Sofort!

Hä was? Und was wird aus meiner entspannten Plopp-und-raus-Geburt? Darauf war ich jetzt so gar nicht vorbereitet. Ich werde in den OP gerollt, weine. Im OP stehen eine Menge Leute. Der Arzt und etwa 5-6 Studenten, die auf meinen Bauch glotzen. Ich selbst kann ihn nicht sehen. Alles ist mit einem Sichtschutz abgedeckt.

Eigentlich sollte die PDA noch wirken. Doch ich spüre einen Schnitt. Die Ärzte wühlen in meinem Bauch herum, ich gerate in Panik und strample wie wild mit den Beinen.

Die sollten eigentlich taub sein. Schmerzen! Ich sehe in viele erschrockene, aschfahle Gesichter. Ich denke: „Hört ihr nicht! Ich kann alles spüren“! Heraus kommt nur ein Schrei! Um mich herum ist Luft, doch ich kann nicht atmen. Ich drehe und wende mich, schreie. Ich höre jemanden sagen „Sie spürt es noch!“ Ja verdammt! Dann werde ich bewusstlos. 

Stunden später werde ich wach. Neben mir mein Mann mit einem kleinen Bündel. Meine, unsere Tochter. Ich weine. Nichts ist vergessen. Doch in diesem Moment spüre ich nur noch Liebe. Und ich bin dankbar, dass ich vorher nicht wusste, wie die Geburt verlaufen würde. Sonst wäre sie wohl heute nicht bei mir.

Was genau damals schiefgegangen ist, weiß ich bis heute nicht. Eine Erklärung der Ärzte habe ich nicht bekommen. Trotz dieses Erlebnisses habe ich ein zweites Kind bekommen und das war wirklich eine schwere, schwere Entscheidung. Diesmal lief alles ähnlich aber anders. Wieder Notkaiserschnitt aber mit einem sehr sensiblen Anästhesisten, der mich begleitet und beruhigt hat, bis ich tatsächlich nichts mehr spüren konnte.

Ich habe zwei gesunde Kinder und darüber bin ich sehr glücklich. Das ist es, was am Ende zählt. Nicht die pastellfarbene  Blümchentapete im Kreissaal. Das schönste am Tag nach der Geburt war ein leckeres Mettbrötchen.

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Wer mehr von unserer Gast-Autorin lesen möchte, findet sie auf Instagram unter @frau.kakao.macht.tv

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