#fürmehrrealität #travelmilf

Selbstzerstörung statt Pauschalurlaub – Alleine unterwegs mit Kleinkind

2. Januar 2018

„Was ist die wohl dümmste Situation, in die man sich selbst bringen kann..? Ok! Bin dabei!“

So in etwa müssen meine Gedanken gelautet haben, als ich beschloss, eine extrem lange, extrem anstrengende und extrem ungewisse Reise zu meiner Schwester anzutreten, die in Amerika lebt. Selbstzerstörung statt Pauschalurlaub. Im Nachhinein bin ich froh, nicht viel darüber nachgedacht zu haben, sonst wäre ich vermutlich einfach zu Hause geblieben.

Wenn man bucht, sieht man nur eins: das Wiedersehen mit der Familie, die man vermisst.
Je näher die Reise dann rückt, desto mehr holt einen die Realität ein und es wird einem langsam, aber sicher klar:

Ich fliege:

  • ohne meinen Mann, dafür mit einem anderthalbjährigen Kleinkind
  • dieses sitzt die kompletten 15 Stunden Flugzeit auf meinem Schoß, mehr oder weniger freiwillig
  • ich fliege in ein Land, das mich eventuell nicht durch die Passkontrolle lässt, weil ich halbe Iranerin bin (Danke, Donald)
  • Umsteigen muss ich dazwischen auch noch, habe dafür nur sehr wenig Zeit
  • Anschließend noch knappe 2 Stunden Autofahrt
  • Insgesamt bin ich ca. 20 Stunden von A nach B unterwegs
  • …und zurück muss ich auch wieder

Ähm, wieso mache ich das gleich nochmal? Ach ja, die Schwester.

Abreisetag. Fünf Uhr morgens, der Wecker klingelt.
Noch kurz im Halbschlaf die E-Mails gecheckt, plötzlich: HELLWACH.

Der Flug hat Verspätung. 2 Stunden. Prinzipiell nicht schlimm, für mich bedeutet dies jedoch, dass ich meinen Anschlussflug verpassen und eventuell keinen Weiteren an diesem Tag erwischen würde. Das ist mal ein Motivationskick am Morgen. Man hätte mich auch sanfter wecken können, zum Beispiel mit Kaffee. Selbst frisch gebrüht in mein Gesicht gekippt wäre dies noch erfreulicher gewesen.

Ich stürme am Frankfurter Flughafen zum Schalter und stelle mich auf meine typische, charmant-verzweifelte Art an den Priority-Check-In. Ich werde aufgerufen und stehe vor einem rassigen, gutaussehenden Herren mit spanischem Akzent, nennen wir ihn „Enrique Iglesias“. Nachdem ich ihm mein Leid geklagt hatte, meinte er nur mit beruhigender, sanfter Stimme: „Keine Ssssorge. Wir ssssaffen dassss, Frrrau Ssssimone.“ In meinem Kopf lief ein feuriges Salsa-Gitarrensolo während er mit seinen magischen Fingern am Computer mein erstes, kleines Wunder des Tages zauberte.

Meine südländische Zauberfee verpasste mir einen komplett neuen Flug mit anderem Zwischenstopp und eigenem Sitz für Ben. Anschlussflug war ebenfalls gesichert und ein riesiger Stein fiel mir vom Herzen. Den Buggy durfte ich aufgrund seiner kompakten Maße und seines Fliegengewichtes ebenfalls mit bis vors Flugzeug nehmen, sonst hätte ich beim Umsteigen mein Kind selbst tragen müssen. Wie wichtig so ein Reise-Buggy ist, sollte ich noch lernen. Jedem, der eine Flugreise mit Kleinkind antritt und bestenfalls noch dabei Umsteigen muss, kann ich solche eine Anschaffung nur ans Herz legen. Ich hätte ohne diesen Buggy wirklich (!) meinen Verstand verloren.

Jedenfalls war später selbst der Herr beim Security-Check erstaunt darüber, wie schnell und einfach sich mein wundervoller Buggy „Pact“ von Joie zusammenklappen ließ. 😉 #werbung #habtihrselbstgemerktnichtwahr #totalunauffällig

Ironischerweise war dieser besagte Herr ein Landsmann von mir und somit Iraner. Der, der für Sicherheit am Flughafen sorgt, stammt aus dem Nahen Osten, vor dem ja jeder so viel Angst hat. Genau mein Humor. Iranisch-Ironisch.

Vorm Gate gab es sogar noch einen kleinen Spielplatz, auf dem die Kinder sich vor Abflug noch etwas austoben können. Das hat dazu geführt, dass Ben die ersten 3 von 8 Stunden geschlafen hat.
Die restliche Zeit war er erstaunlich brav, weil er eigentlich durchgehend gegessen hat. Start und Landung hat er ebenfalls gut gemeistert. Der lange Flug war also insgesamt sehr angenehm und stressfrei. Ein netter Flugbegleiter hat mir noch auf eine Serviette gemalt, zu welchem Gate ich umsteigen muss, denn durch meine spontane Umbuchung vor Ort wusste ich das nicht. Zum Glück…

Spielplatz am Flughafen FFM

Die wahren Hürden sollten das Umsteigen und die Passkontrolle werden.

Beim ersten Bodenkontakt in Amerika muss man sein Gepäck komplett abholen und anschließend durch die „Immigration“. Hier entscheidet dann ein Passkontrolleur, ob man ins Land darf, oder ob man auf eigene Kosten wieder umgehend zurückfliegen muss. Das ist ungefähr so, als würde man in einen total angesagten Club wollen und muss am Türsteher vorbei. Die, die nicht reinkommen sind in diesem Fall wohl weniger die Betrunkenen, sondern – so traurig das nunmal ist – gewisse ethnische Personengruppen, aufgrund jüngster Ereignisse.
Da wirft der Iraner in mir schon beim Aussteigen aus dem Flieger innerlich mit Konfetti. Dass ich aufgeregt war wie Bolle muss ich wohl nicht betonen.

In der Schlange steigt bei mir die Nervosität. Was ist, wenn sie mich nach Hause schicken? Was ist, wenn ich stundenlang verhört werde? Ist alles schon vorgekommen, man hört es immer wieder. Ben merkt meine Anspannung. Er strampelt wie wild, wirft Spielsachen aus dem Buggy, brüllt, dass sich alle nach uns umdrehen. Kurzzeitig überlege ich so zu tun, als würden wir uns nicht kennen. Klappt nicht.

Ich stehe locker 25  Minuten so am selben Platz, mit allen Koffern, Handgepäck, dem Buggy, einem riesigen Rucksack und einem Kleinkind.

Das Kind wild brüllend, nichts hilft. Zeit zum Umsteigen: noch eine knappe Stunde. 

Dann die Rettung: Ich werde nach vorne Gebeten. Unser Umfeld ist so genervt von uns, dass wir die Schlange umgehen dürfen. Gut gemacht, Ben. Der Mann am Schalter mustert mich. Er mustert das Kind. Ich fühle mich, als würde mich gleich die Army einziehen und sehe mich im Flecktarn durch den Flughafen robben.
Ich musste ein Visum beantragen, das macht ihn stutzig. „You’re travelling with a Visa? Because you’ve been to WHICH COUNTRY?“ fragt er herablassend.

Nach dem Motto: „Wo haben Sie sich denn herumgetrieben?“ und rollt mit seinen Augen. 
Ich atme tief durch und unterdrücke meine Wut. 

„My father is from Iran. I’m visiting my sister. She’s married to a veteran.“ Da war es. Das „V“-Wort, das sie alle so gerne hören.
Und schon war ich drin. So einfach. Eine kleine Prise Patriotismus hat ausgereicht. Stempel drauf, weiter geht’s.

Ich habe noch ca. 45 Minuten Zeit und renne los um mein Gepäck wieder abzugeben. Ich schubse abwechselnd die Koffer vor mir her, weil ich zu wenig freie Hände habe.
Dann schiebe ich den Buggy wieder ein paar Meter weiter. Einen Koffer-Wagen gibt es nur gegen 1$ in Bar, den ich nicht habe. Ich mir bleibt also nichts anderes übrig, als mein ganzes Hab und Gut vor mir her zu schubsen. Ach ja, nur mal für eure Fantasie: Das Kind schreit natürlich noch, sonst wäre es ja langweilig.

Auf halber Strecke und nach vielen verdutzten Gesichtern hilft mir ein netter Herr mit meinem Gepäck und trägt es für mich bis zum Band. Ich bedanke mich und renne erneut los.

Ich fühle mich wie Tom Hanks in einem Crossover aus „Terminal“ und „Forrest Gump“. In einem wohnt er am Flughafen und im anderen rennt er. Ein bisschen fühle ich mich auch wie in „Cast away“ und spreche immer wieder mit meinem Wilson, der ja noch im Buggy sitzt und schreit.

Mein kleiner Wilson hat sich natürlich zwischenzeitlich saftig in die Windel gepfeffert und brütet diese Ladung momentan aus. Da muss er aber leider durch, denn die Zeit rennt. Ich renne auch. Beim Sicherheitscheck heißt es: alles aus dem Buggy räumen, alles aufs Band legen, Schuhe ausziehen, warten. Babynahrung gesondert untersuchen lassen. Alles wieder einräumen, Schuhe wieder anziehen, Buggy wieder beladen.

Drei mal dürft ihr raten, wie es weitergeht? Richtig, ich renne erneut, diesmal zum Anschlussflug. Zeit bis zum Abflug: 20 Minuten. Boarding hat bereits begonnen. Nun kam meine Serviette zum Einsatz, ohne die ich an diesem Punkt wohl verloren gewesen wäre. Ich renne. Und renne. Bis ich merke: ich laufe in die falsche Richtung. Also renne ich zurück und biege in einen anderen Gang. Mein Gate ist das Letzte am Ende des Flurs. Sonst fliegt ja auch kein Mensch nach Indiana, da ist ja nichts los. Da stehe ich nun, mit hochrotem Kopf, einer Serviette in der Hand und einem wohlduftenden Kind, dessen Aggressionslevel auf einer Skala von 1 bis 10 locker an der 12 nagt.

Kinder-Snacks im Flugzeug

„Don’t worry, you’re still on time!“ schalmeit es mir entgegen – 10 Minuten vor Abflug. Ich steige ein, die Tür schließt sich und wir starten. Ich lasse mich auf den Sitz fallen und bin einfach nur erleichert. Nach deutscher Zeit ist es jetzt ca. 22:30 Uhr. Um Mitternacht sollte ich landen. Und erneut sitzt mein Kind nicht auf mir, sondern neben mir.

Ich hatte Unmengen von Glück auf dieser Reise. Meine Flüge waren die einzigen an diesem Tag nach Indianapolis ohne Verspätung. Ich hatte jedes Mal einen eigenen Platz für Ben. Und ich habe alles gemanaged. Ich weiß nicht wie, aber es hat geklappt.

Ganz große Cousinenliebe

Und 7.380 km weiter wartete auf mich etwas Wunderschönes. Meine Familie, Unmengen wundervoller Erinnerungen und eine wahnsinnig tolle Zeit zusammen, die uns niemand nehmen kann. Jeder Schweißtropfen hat sich gelohnt, jede Anstrengung war es wert. Wir haben unseren Urlaub in vollen Zügen genossen, bis zum Tag der Heimreise. Da ging das Spiel dann vorn Vorne los 😉

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