#schwangerschaft #sternenkinder

Sternenkind Filina

15. Juni 2017

„Es tut mir leid.  Ich kann keinen Herzschlag mehr finden.“  Das schlimmste, was mir in meinem Leben je mitgeteilt wurde. Der Moment, in dem uns der Boden unter den Füßen weg gezogen wurde.

Alle Zukunftspläne, mit einem Satz für immer zerstört.
Ein Loch, aus dem es kein Entkommen mehr gibt.
Die Trauer, die uns den Rest unseres Lebens begleiten wird.

2017 sollte unser Jahr werden.  Im Februar sollten wir das erste Mal Eltern werden. Im September wollte wir uns das Jawort geben und unsere Prinzessin taufen lassen. Ein schönes Fest mit Familien und Freunden.

Aber wie sagt man so schön…ersten kommt es anders und zweitens als man denkt….

Eltern wurden wir schon im Oktober 2016, aber anders als wir dachten.  Denn wir sind nun Sterneneltern  und statt unsere kleine Filina im Kinderwagen spazieren zu fahren, besuchen wir sie auf dem Friedhof, bemalen Grabkerzen und versuchen den Scherbenhaufen langsam wieder zusammen zu kehren.  Versuchen über den Verlust unserer Tochter und der gemeinsamen Zukunft hinweg zu kommen.

Wie jede Schwangere war auch ich froh die ersten 12 Wochen der Schwangerschaft gut hinter  mich gebracht zu haben. Ich freute mich und verschwendete keine weiteren Gedanken an irgendwelche Komplikationen.  Warum auch? Unser Baby war gesund. Wir sind gesund und es gab keine bedenklichen Vorfälle in unseren Familien. Alle freuten sich mit uns und wir fieberten unserem Wunschkind entgegen. Ich war stolz wie Bolle diesen kleinen Mini-Menschen unter meinem Herzen tragen zu dürfen und der Papa konnte seine Finger gar nicht von der Kugel lassen. Wir liebten unser Baby jeden Tag mehr und nicht nur die Liebe wurde täglich mehr, auch die Kilos…

Mit dem Outing wurde das Abenteuer „Familienplanung“ noch realer. Wir strichen das Zimmer, kauften alles in rosa und konzentrierten uns auf Mädchennamen und haben dann den Einen gefunden, bei dessen Klang ich einfach pure Liebe spürte und nach wie vor spüre.

Rückblickend ging es danach bergab. Ich spürte sie immer weniger. Aber jeder sagte, dass sei normal und ich solle mich nicht verrückt machen. Ich blieb entspannt. Vorerst. Bis zum 23.10.16. In der Nacht war ich zum reinen Nervenbündel geworden. Irgendwas stimmte nicht. Ich konnte sie ärgern wie ich wollte, Musik vorspielen, springen oder hüpfen… keine Reaktion…

Wir fuhren auf Anraten einer Hebamme ins Krankenhaus.  Alle sprachen uns gut zu.
Auf der Fahrt ins KH  herrschte zwischen uns Stille. Zu groß war die Angst vor dem, was wir beide schon vermuteten, aber nicht wahr haben wollten.

Im Krankenhaus angekommen nickten uns alle immer nur vermeintlich wissend zu. Wissend, wie das mit all den nervösen Schwangeren an den Wochenenden in der Notaufnahme so ist.
Unsere Schreie aus dem Behandlungszimmer sollten sie eines Besseren belehren. Nach minutenlangen schweigen und etlichen Bildern, flehte mein Freund die Ärztin an doch endlich was zu sagen.  Bis dahin hatte sie weder geatmet noch ihre Miene verzogen. Doch im Gesicht meines Freundes konnte ich erkennen, dass er keinen Herzschlag mehr sehen konnte…

„Es tut mir leid.  Ich kann keinen Herzschlag mehr finden.“ Nie werde ich den Blick dieser jungen Ärztin vergessen.  Sie ließ uns allein.  Holte ihre Vorgesetzte, ließ uns Zeit das Gesagte zu verarbeiten.

Ich kann das bis heute nicht realisieren, was da im Krankenhaus passiert ist.  Ich kann nicht wiedergeben, was ich gefragte wurde und weiß nicht mehr, wie meine Antworten lauteten.  Mein Baby war tot.  War in mir gestorben.  Irgendwas muss ich falsch gemacht haben. Ich konnte es mir nicht anders erklären.

Mein Freund rief meine Eltern an und wir fuhren nach Hause, um auf sie zu warten und mir eine Krankenhaustasche zu packen.  Keiner wusste, wie lange es nach der Einleitung dauern würde. Aber ich hatte schon seit Freitag erhöhte Entzündungswerte im Blut.

Bevor wir wieder ins Krankenhaus gefahren sind, war ich duschen, hab Wäsche gemacht und meinen Platz im Geburtsvorbereitungskurs wieder frei gegeben. Völlig unwichtige Dinge, nur um Zeit zu schinden. Meine Mutter sprach irgendwann ein Machtwort und wir fuhren wieder zurück um das erste Mal Eltern zu werden, damit ich unsere Tochter still zur Welt bringen  kann.

Die junge Ärztin hatte glücklicheweise Nachtschicht und leitete direkt nach Ankunft vaginal die Geburt ein. Ich bekam augenblicklich Wehen.  Aber sie waren auszuhalten.  Der falschgelegte Zugang, mein dadurch angeschwollener Arm, die Wehen…

Mir war alles egal.  Ich wollte nur, dass alles einfach schon vorbei war oder besser noch mein Leben vor der Schwangerschaft wieder haben, um alles besser zu machen.  Damit ich Filina nicht bei 24+2  zur Welt bringen musste.

Mein Freund und meine Eltern blieben die ganze Zeit an meiner Seite. Aber auch nach dem zweiten Zäpfchen waren die Wehen gleichbleibend. Der Muttermund war viel zu weich für die Woche und weitete sich zusehends.

Mittlerweile wollte ich nicht mehr, dass alles schnell vorbei ist.  Ich wollte Filina einfach gar nicht hergeben.  Warum auch? Es war alles gut bis wir ins Krankenhaus gefahren sind.  Unser Leben war perfekt. Der Fieberwahn war im vollen Gang.

Es war Montag, der 24.10.16, 08:00 Uhr und die Hebamme kam. Diesmal bekam ich mehrere Tabletten Cytotec zum Einnehmen. Innerhalb von kürzester Zeit waren die Schmerzen so stark geworden, dass ich nicht mehr wusste, wo oben oder unten war.  Mein Puls raste und der Adrenalinspiegel verhinderte leider, dass die Schmerzmittel anschlugen.

Statt mir wie versprochen eine PDA zu geben, fragte mich die Ärztin nur: „Sind das die seelischen Qualen oder haben Sie wirklich so starke körperliche Schmerzen?“ Ich hatte keine Kraft mehr um mich mit ihr auseinander zu setzen.  Dann bekomm ich halt auf Station mein Kind. Mir war das ja egal. Als sie sich endlich sicher war, war es schon zu spät für eine PDA und ich war auf dem Weg in den Kreißsaal.

Mir wurde versprochen, dass ich alles an Schmerzmitteln bekomme, um die körperlichen Schmerzen zumindest erträglich zu halten. Es half alles nichts. Die Schmerzen waren kaum auszuhalten.

Unerträglich der Gedanke, dass Filina gleich da sein wird. Wir keine gemeinsame Zukunft haben werden. Keine 45 Minuten später kam Filina still zur Welt. 24.10.16, 10:40 Uhr.

Seitdem ist unsere Welt stehen geblieben und fängt nur ganz langsam an sich weiter zu drehen.
In meiner Erinnerung habe ich 2 mal gepresst und sie war da. Die Realität sah anders aus. Unsere Hebamme hat sich ans Herz gefasst, die Fruchtblase geöffnet und den Muttermund soweit mit ihrer Faust geweitet, dass die kleine Maus mit ihren 490 Gramm durchpasste.  Danach sollte direkt die Ausscharbung unter Vollnarkose stattfinden.

„Darf unsere Tochter denn ihr Baby zumindest einmal sehen? Wir wissen ja nicht wie lange sie nach der OP weg sind wird. “ Meine Mutter konnte gar nicht fassen, dass ich schon auf dem Weg in den OP-Saal war.

Die Schmerzmittel liefen immer noch durch den Venentropf und jetzt schlugen  sie an. Die Hebamme kam und brachte Filina, eingewickelt in einer kleinen selbstgenähten Decke. Da war sie nun. Unser kleines Baby. Ganz dunkel und sehr eingefallen.  Kein rosiges Baby.  Aber für uns war sie und ist sie perfekt.  <3

Die Vollnarkose und Schmerzmittel setzten mich statt den versprochenen 30 Minuten über 3 Stunden außer Gefecht. Ich war einfach müde und leer.

Doch nach der Geburt gingen die Kämpfe erst los. Wog sie nun 500 oder 490 Gramm? Mutterschutz oder kein Mutterschutz? Rechtlich gesehen hatte ich eine Fehlgeburt. Egal, wie viele Stunden ich in den Wehen lag oder wie viele Wochen ich schwanger war.

Sie war 10 Gramm zu leicht. Somit hatten wir keine Pflichten, aber ebenso auch keine Rechte als Eltern und werden auch oft nicht als solche von der Gesellschaft angesehen.

Ohne Sterbeurkunde war es sogar schwierig den Kinderwagen zurück zu geben. Unterstellte die Geschäftsführerin eines Babyzubehör-Geschäftes meinen Eltern, dass sie sich den Tod ihrer Enkeltochter nur ausgedacht hatten, um im Internet einen günstigeren Kinderwagen zu bestellen.

Eine Woche nach der Geburt kämpften wir darum noch letzte Erinnerungsbilder von unserer Filina durch „Dein Sternenkind“ machen zu lassen. Durch die Geschichte von Nadine und Emilia sind wir ein Glück gerade noch rechtzeitig auf die Möglichkeit aufmerksam geworden.

Die zuständige Pastorin wollte uns die Bilder ausreden, da unser Baby ja nicht mehr so rosig, wie nach der Geburt sei und der Ort für die Bilder würdelos ist. Außerdem könnten wir froh über das eine Bild nach der Geburt sein, denn die Hebammen haben ja genug mit den lebenden Babys zu tun und keine Zeit sich um uns zu kümmern.

Mittlerweile kann ich sagen, dass viele so denken, wie die Seelsorgerin. Es wird sich nicht mit uns beschäftigt. Wir werden in Ruhe und allein gelassen. Aber das Schicksal schweißt zusammen. Es gibt leider zu viele Familien, die das gleiche erlebt haben, wie wir. Zu meinem Glück habe ich schon einige dieser wundervollen, starken Frauen kennenlernen dürfen. Wie schön, dass wir uns gegenseitig eine Stütze sind und uns unserer Gedanken weder Schämen – noch diese Erklären müssen.

Mutterliebe bedarf keiner Erklärung. Für immer wirst du unsere Herzen mit Liebe füllen, deinen Platz in der Familie haben und unser Lieblingsmensch sein.

Nadine

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