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Sternenkind Murmelchen

20. April 2017

Unser erstes Kind war ein absolutes Wunschkind. Wir waren zu dem Zeitpunkt 2 ½ Jahre zusammen und gerade in eine größere Wohnung gezogen. Es klappte ziemlich schnell und nachdem ich nur einen Tag überfällig war, machte ich sofort einen Test. Er war positiv und wir konnten unser Glück kaum glauben.

In der 8. Woche hatte ich den ersten Termin bei meiner Frauenärztin. Dort habe ich den kleinen Zwerg und sein Herz das erste mal schlagen sehen. Geweint habe ich vor Glück, das weiß ich noch ganz genau! In der 12. Woche dann, hatte ich den ersten Termin bei der Hebamme, wo ich auch meinen Mutterpass bekam. Nun war es „offiziell“ – ich werde Mama, WIR werden Eltern! Errechneter Entbindungstermin sollte der 27.05.2015 sein. Der Zeitpunkt, es allen zu erzählen, war gekommen. Alle haben sich sehr gefreut, besonders meine Ur-Oma, die ihren 8. Ur-Ur-Enkel erwartete.

Am 30. November hatte ich den nächsten Vorsorgetermin. Der Zwerg zierte sich beim Ultraschall, zeigte uns nur den Rücken, das Herz schlug ruhig und gleichmäßig. Ich war zufrieden & glücklich, es ging mir gut und es schien alles in Ordnung zu sein. Kein Problem, denn knapp 10 Tage vorher hatten wir das Erst-Trimester-Screening durchführen lassen , das ebenfalls unauffällig war. Kurz vor Weihnachten verfiel ich in den ersten Shopping Wahn.  Ich bestellte im Internet die ersten Strampler und Bodies, neutral versteht sich, da wir das Geschlecht ja noch nicht wussten. Ich war einfach nur glücklich und rechnete nicht im geringsten damit, dass vielleicht noch etwas schief gehen könnte.

Am 02.01.2015 stand der 2. große Ultraschall an. Es war ein Vertretungsarzt, da sich meine Ärztin noch im Urlaub befand. Mein Freund war dabei, wir waren aufgeregt, sollten wir doch auch das Geschlecht erfahren.

Der Arzt setzte den Ultraschall an und das erste, was man sah, war eine große dunkle Blase. Ich nahm das erst gar nicht so wahr, bis der Arzt  sagte: „Das sieht aber komisch aus, hier stimmt doch etwas nicht!“. Ich spürte, wie mir auf einmal komisch wurde. Unsicherheit machte sich breit, ich schaute ängstlich immer wieder zu meinem Freund.

Der Arzt machte weiter mit dem Ultraschall. Er stellte fest, dass die eine Hand unseres Zwerges abgeknickt war, in sogenannter „Pfötchenstellung“, wie er sagte. Des Weiteren sei der Kopf verformt. Man spürte, dass er sich sicher war, dass es nicht gut aussieht. Er äußerte einen Verdacht, wollte sich aber nicht festlegen und machte uns schnellstmöglich einen Termin bei dem Feindiagnostiker, der mit in der Gemeinschaftspraxis war. Der Termin war am 06.01.2015. Ein toller Arzt, mitfühlend aber klar heraus.

Die Diagnose: „Nicht lebensfähig“. Unser Zwerg litt am sogenannten „Meckel-Gruber-Syndrom“.

Eine 100%ige Diagnose sollte es erst nach einer Fruchtwasseruntersuchung geben, die Symptome aber sprachen für sich. Kinder mit diesem Syndrom überleben die Schwangerschaft meistens nicht und wenn sie es bis zur Geburt schaffen, sterben sie an Nierenversagen. Unsere Welt brach zusammen. Wie sollte es denn nun weitergehen? Neben dieser Frage war da auch diese Leere. Hilflosigkeit. Wir mussten es allen sagen. Es wussten ja alle. Ich war mittlerweile bereits in der 21. SSW. Betroffenheit und Stille machten sich breit. Es folgten lange Gespräche mit den engsten Familienangehörigen.

Wir mussten schließlich eine Entscheidung treffen. Ziemlich schnell waren wir uns einig – wir wollten unser Baby nicht leiden lassen. Wir wussten nicht, ob es Schmerzen hat und warum sollten wir etwas herauszögern, was anscheinend nicht sein soll?

Also entschieden wir uns, unseren Zwerg vorzeitig gehen zu lassen. Wir vereinbarten einen Termin im Krankenhaus. Am 12.01.2015 war die Voruntersuchung. Uns wurde erklärt, wie alles ablaufen würde. Die Geburt sollte vorzeitig eingeleitet werden. Am 13.01. wurden wir dazu stationär aufgenommen. Mein Freund wurde gar nicht gefragt, es wurde alles für UNS vorbereitet. Die ganze Belegschaft wusste Bescheid. Ich möchte hier einmal betonen, dass das Team absolut toll war und mit uns und unserer Situation einfach nur super umgegangen ist.

Die Oberärztin kam, erklärte mir alles und gab mir die ersten Tabletten. Ich zögerte, denn ich brauchte einen Moment. Wir hielten inne und machten uns die Situation noch einmal bewusst. Dann nahm ich die Tabletten. Es passierte nichts. Am ersten Tag nicht, am zweiten Tag nicht und am dritten Tag auch nicht. Die Oberärztin kam in regelmäßigen Abständen, bis sie irgendwann die Nase voll hatte. Sie sah, wie uns die Situation zusetzte und ließ sich deshalb vom Chefarzt Zäpfchen freigeben (die aus Kostengründen nicht mehr gegeben werden!). Von den Zäpfchen benötigte ich nur 2 Stück, dann ging es los.

Am 16.01.2015 um 06:40 Uhr wurde unser Murmelchen geboren. Zarte 480 Gramm schwer und 27 cm lang. Kurz nach der Geburt hörte das Herz auf zu schlagen. Sie nahmen unser Baby mit, wickelten es in die Decke, die meine Mama noch genäht hatte und setzten ihm die selbst gehäkelte Mütze meiner Schwester auf. Sie machten Fußabdrücke und ein einziges, wunderschönes Bild. Dann brachten sie uns unser Kind wieder und wir durften es in den Armen halten. Wir weinten.

Die Ärztin sagte uns, dass alle Chromosomen einmal durchgewürfelt wurden und dass wir die richtige Entscheidung getroffen hatten. Unser Baby wäre so einfach nicht lebensfähig gewesen, was unser Baby allerdings alles hatte, möchte ich hier nicht aufführen… Nach 20 Minuten musste ich in den OP. Der Mutterkuchen hatte sich nicht selbstständig gelöst und musste entfernt werden. 3 Stunden war ich weg.Anschließend durften wir unser Murmelchen noch einmal bei uns haben. Über eine Stunde lag es zwischen uns. Dann ließen wir unser erstes Kind für immer gehen.

Ich dachte, ich hätte mich lang genug verabschiedet. Dass dies nicht der Fall war, wurde mir allerdings leider erst viel später bewusst. Einen Tag später durfte ich schon nach Hause. Kaum angekommen, übermannten mich meine Gefühle. Der Hormonabsturz tat wohl sein übriges. Schwanger hatte ich das Krankenhaus betreten, ohne Baby musste ich es verlassen. Ein scheiß Gefühl – ich weinte ununterbrochen.

Am Tag unserer Entlassung schien die Sonne, es war strahlend blauer Himmel. Für uns ein Zeichen, dass es unserem Sternchen da oben gut ging. Die Anteilnahme unserer Familien und Freunde war überwältigend. Es tat gut in solch einer schwierigen Zeit solch liebe Menschen bei sich zu wissen, auch wenn wohl kaum einer nachempfinden konnte, wie es uns ging. Die nächsten Tage waren anstrengend. Ich hatte starke Schmerzen und mein Kreislauf war im Keller. Es fühlte sich alles so unwirklich an. Ich wartete nur auf den Moment, endlich aus diesem Traum aufzuwachen… Wir kämpften uns irgendwie gemeinsam durch. Und von Tag zu Tag wurde es immer etwas besser.

Wir hätten unseren Zwerg nicht beisetzen lassen müssen, wollten es aber unbedingt, um ihm einen würdevollen Abschied zu gewähren. Also entschieden wir uns für eine Sternenkinder-Beisetzung. Im Mai 2015 wurde unser Murmelchen zusammen mit 4 anderen Sternchen beigesetzt.

Heute, nach 2 Jahren, kann ich sagen, dass ich einiges gern anders gehabt hätte. Ich hätte gern noch mehr Zeit gehabt. Mehr Zeit zum nachdenken, mehr Zeit zum entscheiden und vor allem mehr Zeit mit unserem Baby. Und vielleicht auch mehr Bilder (Ich möchte hier einmal das Team von www.dein-sternenkind.eu erwähnen. Fotografen, die ehrenamtlich Bilder von Sternenkindern machen und den Familien zur Verfügung stellen. Hätte ich eher von dieser Seite gewusst, hätten wir einen Fotografen angefordert.)

Einige mögen fragen, warum wir uns nicht einfach mehr Zeit mit unserem Kind genommen haben. Eine wohl berechtigte Frage. Aber wir waren damals schlichtweg überfordert. Wir wussten es nicht besser und niemand sagt einem, wie man sich in s0lch einer Situation zu verhalten hat. Wir haben den für uns damals richtigen Weg gewählt. Auch wenn wir diesen Weg heute vielleicht nicht noch einmal genau so gehen würden.

Mittlerweile sind wir Eltern eines gesunden Jungen. Wir sind glücklich. Und unser Murmelchen ist immer bei uns!

Mareile

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