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Sternenkinder – Zwischen Professionalität und Emotionen 

16. November 2017

Mein Name ist Johanna und ich bin Fachkinderkrankenschwester auf einer Intensivstation. Ich habe mich bewusst für die Arbeit auf der Intensivstation entschieden. Sie ist abwechslungsreich, spannend und man steht nie still. Es gibt immer einen Fortschritt und kleine Wunder.

Von Anfang an wusste ich, dass der Tod dazu gehört. Manchmal sind Leben und Tod so nah beieinander.

Jeden Tag sehe ich die Eltern, wie sie am Bett ihrer, manchmal totkranken, Kinder wachen. Jeden Tag aufs Neue. Manchmal Monate lang. Es gibt Fortschritte, aber viel öfter gibt es Rückschritte. Rückschritte, mit denen die Eltern klar kommen müssen. Ich kann Ihnen dabei zur Seite stehen und mich liebevoll um ihre Kinder kümmern, aber am Ende müssen sie mit ihren Sorgen nach Hause gehen. Und manchmal, manchmal ist es so schlimm, dass Eltern ihre Kinder gehen lassen müssen.

Manchmal passiert so etwas plötzlich, manchmal sind sie wenigstens ein bisschen darauf vorbereitet. Aber niemand kann den Eltern sagen wie schwer es ist, das eigene Kind sterben zu sehen. Und so erinnere ich mich noch ganz genau an meine erste Sterbebegleitung. Es war ein Frühdienst an einem Samstag im Juli 2015. Wir als Team wussten, dass im Kreißsaal neben an ein Kind mit Trisomie 18 geboren wird.

Normalerweise dürfen diese Kinder bei uns im Kreißsaal auf dem Arm der Mutter versterben.

Wir als Intensivteam verabreichen eventuell Schmerzmittel, falls das Kind leidet. Der kleine Junge, nennen wir ihn mal Elias, war in den frühen Morgenstunden geboren worden. Wir waren schon zweimal im Kreißsaal gewesen, um ihm Morphin zu verabreichen.
Gegen Mittag erhielten wir einen Anruf aus dem Kreißsaal, dass Elias noch immer leben würde. Die Oberärzte hielten Rücksprache und so kam es dazu, dass ich den kleinen Elias auf der Intensivstation aufnehmen musste. Er war für seine Schwangerschaftswoche sehr klein und hatte ein kleines, süßes spitzes Gesicht. Er war ein hübscher Junge. Ich legte ihn in unser einziges Einzelzimmer und schloss ihn an den Monitor an. Seine Herzfrequenz war stabil. So lag er friedlich in seinem Bettchen und die Ärzte beratschlagten, was zu tun sei.

Ich machte bald darauf eine Übergabe an den Spätdienst und dachte, wenn ich am nächsten Tag zum Spätdienst wieder komme, wird er schon ein Sternenkind sein. 

Als ich am Sonntag zum Spätdienst kam, lebte Elias noch. Die Vitalzeichen waren zwar schlechter und er hatte schon einige Atemaussetzer geboten, aber er atmete weiterhin tapfer und sein kleines Herz schlug. Er durfte gehen, wenn er es für richtig hielt. Ich erfuhr, dass die Eltern Flüchtlinge waren, und kein Deutsch sprachen. Als ich dann meine Übergabe erhalten hatte, kamen Elias Eltern. Sie waren sehr zurückhaltend und wollten ihn eigentlich gar nicht so richtig anfassen und anschauen, da sie eigentlich damit gerechnet haben, dass er schnell versterben würde. Und nun lag er da, an einen Monitor angeschlossen und überwacht.

Aber ich glaube, sie hatten auch die Hoffnung, dass die Ärzte sich geirrt haben könnten und ihr Baby überleben würde. 

Wir verständigten uns mit Händen und Füßen und schließlich hatte ich die Mutter soweit, dass ich ihr Elias auf den Arm geben durfte. Kaum war er auf dem Arm der Mutter, wurden seine Vitalzeichen konstant schlechter und er machte eine lange Atempause. Für mich war klar, er hatte auf seinen Eltern gewartet. Das war sein Augenblick um zu gehen. Die Eltern weinten. Wir versuchten einen Dolmetscher zu bekommen, um wenigstens erfragen zu können, ob Elias vorher noch getauft werden sollte. An einem Sonntagnachmittag war jedoch kein Dolmetscher zu bekommen. Aber wir hatten das Glück, dass ein Freund eines Kollegen dieselbe Sprache als Muttersprache hatte. Er erklärte sich bereit ins Krankenhaus zu kommen und zu übersetzen.

Letztendlich kam unser Pastor und taufte den kleinen Elias, danach starb er friedlich in den Armen seiner Mutter. Ich öffnete das Fenster, um seine Seele fliegen zu lassen. 

Danach wusch ich zusammen mit den Eltern den kleinen Elias und packte ihn in eine kleine Strickdecke ein. Er sah ganz friedlich aus wie er dort so lag. Von unseren ‚Strickomis’ bekommen wir immer kleine, gestrickte Schmetterlinge als Paare, ein Schmetterling geht mit dem Sternenkind auf die Reise und den anderen dürfen die Eltern behalten. Die Eltern verabschiedeten sich ziemlich schnell, man merkte, dass es ihnen zu viel geworden war. Sie waren auf so etwas einfach nicht vorbereitet gewesen. Am Ende machte ich noch Fußabdrücke von den kleinen Füßen und brachte sie runter zu den Eltern auf die Pränatalstation, wo sie zwischen Babygekreische und schwangeren Frauen mit dem Verlust ihres Kindes klar kommen mussten….

Für Elias war es in meinen Augen ein sehr langer Weg. Ich persönlich hätte ihm was anderes gewünscht und den Eltern ebenfalls. Aber genau das ist es, was wir einfach nicht beeinflussen können. Oder nur in einem geringen Maße. Ich musste sofort an Elias denken, als ich die Geschichte über das Sternenkind Marie bei euch gelesen habe. Ich bewundere ihre Eltern für die Entscheidung, welche sie getroffen haben.

Natürlich muss ich in meinem Beruf professionell sein, aber genau in solchen Situationen bin ich einfach nur Mensch. Ich weine mit den Eltern zusammen und bewundere sie so oft für ihre Stärke, für ihre Verbundenheit und ihre Liebe! Ich wünsche manchmal, ich könnte ihnen einen Teil abnehmen, aber ich kann nur da sein und mein Bestes geben in diesen schwierigen Situationen. 

Vielen Dank für deinen Beitrag, liebe Johanna! Wer Johanna auf Instagram folgen möchte, findet sie hier: @fraeuleinwolke

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