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Sternenkind Isabelle

2. März 2017

Als ich erfuhr, dass ich zum zweiten Mal Mutter werde, waren mein Mann und ich gerade ein Jahr verheiratet. Unsere Tochter Amelie war zu dem Zeitpunkt ein Jahr und vier Monate alt. Ich habe erst vor drei Monaten begonnen wieder zu arbeiten. Dieses Kind war ein absolutes Wunschkind, auch wenn es nicht geplant war.

Nach ein paar Wochen erzählten wir es Familie und Freunden und alle freuten sich sehr für uns. Zu dem Zeitpunkt war ich die glücklichste Frau auf Erden. Nichts konnte mein Glück trüben und bis zur zwölften Woche verlief auch alles so, wie es sollte…

Das Baby entwickelte sich prächtig und ich hatte keinerlei Bedenken, dass da etwas nicht stimmen könnte.

Nein, ich hatte sogar sehr früh das Gefühl, dass es wieder ein Mädchen wird, denn diese Schwangerschaft glich der ersten eins zu eins. Doch ab dem vierten Monat ging es auf einmal los. Plötzlich sollte ich alle zwei Wochen zur Kontrolle beim Frauenarzt, da die kleine Maus nicht richtig wachsen wollte. So ging das weiter bis zum sechsten Monat, wo schließlich eine Feindiagnostik durchgeführt wurde. Da dachte ich noch, dass es eine einmalige Sache sei, aber leider täuschte ich mich… Ab diesem Zeitpunkt saß ich alle zwei Wochen beim Arzt und bei der Feindiagnostik. Jedes Mal schlug mir mein Herz bis zum Hals, denn ständig war etwas anderes auffällig.

Bei der ersten Diagnostik dachten sie, dass etwas mit dem Gehirn der kleinen Maus nicht stimmt. Nach zweiwöchiger Wartezeit, war es dann der Augenabstand, der nicht passte. Der Kopf sei zu klein für den Körper, das erzählt mir mein Arzt. Er zog das Ganze ins Lächerliche und meinte zu mir, dass das auch gar nicht schlimm wäre, seine Oma hätte auch einen kleinen Kopf. Das war sein Wortlaut; er fand sich witzig.

So vergingen die Wochen, ständig gab es neue Diagnosen, doch das Schlimmste daran war die Wartezeit bis zum nächsten Termin. Immer diese verdammten zwei Wochen.Irgendwann reichte es mir, ich bat den Arzt um eine Fruchtwasseruntersuchung. Seiner Meinung nach war das nicht nötig, das Kind sei schließlich gesund. Er diagnostizierte eine Plazentainsuffizienz und meinte, dass ich das Baby nicht richtig versorgen könnte. Er sagte, wir würden bis zu dem Zeitpunkt warten müssen, an dem das Kind einen Wachstumsstillstand erlitt, um dann sofort mit der Einleitung der Geburt zu beginnen.

Der Tag der Einleitung war gekommen, wir fuhren ins Krankenhaus. Wir zählten die 37. Schwangerschaftswoche. Im Krankenhaus angekommen, hing ich zwei Tage lang 24 Stunden am CTG, weil die Herztöne des Babys so schlecht waren. Die Tabletten die mir für die Einleitung verabreicht wurden, hatten überhaupt keine Wirkung gezeigt. Mein Mann und ich waren mit den Nerven am Ende. Am dritten Tag verließen mich meine Kräfte und meine Geduld und ich bestand auf einen Kaiserschnitt.

Sie versuchten alles, um mir meinen Wunsch auszureden, aber ich wollte nur noch mein Kind gesund in den Armen halten. Der Kaiserschnitt wurde eine halbe Stunde später durchgeführt. Als ich nun da lag, in dem sterilen Raum, ging mir alles mögliche durch den Kopf, doch ich hatte keine Vorstellung von dem, was mich wirklich erwarten würde.

Am 15.03.2014 um 10:25 Uhr wurde unsere Isabelle geholt. Sie wog zarte 1480 Gramm und war kleine 40 cm. Sie hat nicht geschrien. Ich durfte sie nicht mal halten.

Sie wurde mir nur drei Sekunden lang gezeigt und musste danach sofort beatmet werden. Zum Glück durfte mein Mann bei ihr sein. Da lag ich, allein auf diesem Tisch und wurde zugenäht. In dieser Zeit kämpfte dieses kleine Wesen um sein Leben. Gleich nach dem Eingriff wurde mein Bett zu ihr auf die Intensivstation geschoben. Als ich sie da so liegen sah im Inkubator mit all den Schläuchen, die aus ihrem Körper hingen und dem Tubus in ihrem Hals… Ja, das war das Schrecklichste, was ich je gesehen habe.

Während ich sie betrachtete und nicht wusste, ob ich lachen oder weinen sollte, fiel mir plötzlich auf, dass sie nicht so aussah wie ein normales Baby. Sie war wunderschön, keine Frage, aber ich war mir nicht sicher, ob alles normal sei.

Ich fragte meinen Mann, warum die Finger und Füßchen so komisch aussahen… doch auch mein Mann hatte darauf keine Antwort. Wir beschlossen, daran zu glauben, dass es normal wäre. Vielleicht lag es ja daran, dass sie so früh kam und so klein war?!

Als ich am nächsten Tag aufstehen konnte, gingen wir gemeinsam zu Isabelle. Nach wenigen Augenblicken kam der zuständige Arzt herein und wollte mit uns reden. Wir setzten uns hin und er begann zu erzählen, er habe sie am Vortag nochmal untersucht ihm seien einige Merkmale aufgefallen , die auf eine Krankheit hindeuteten. Er sprach von Trisomie 18. Trisomie 18, WAS IST DAS? Ich kannte nur Trisomie 21. Ich wusste gar nichts damit anzufangen.

Er erklärte uns, dass er noch einmal Blut abnehmen müsste, bevor die Diagnose eindeutig wäre. Dennoch war er sich zu 99% sicher, dass Isabelle unter dieser Krankheit litt. Er teilte uns dann auch gleich mit, dass sie es nicht überleben würde. Kinder mit Trisomie 18 seien nicht lebensfähig.

Solange wir sie an den Beatmungsgeräten ließen, würde sie leben können, aber wir müssten uns Gedanken machen, wann wir diese Geräte abstellen würden. Wir sollten sie selbst entscheiden lassen, wann sie gehen möchte. An diesem Tag habe ich nur noch geweint. Ich lag auf der Station und war nicht mehr ansprechbar. Ich wollte niemanden sehen und hören.

Aber ich wusste auch, dass die Zeit rennt und wir überlegen müssen, wie es weitergeht. Ein paar Tage nach der Geburt wurde Isabelle noch im Krankenhaus notgetauft. Der Tag der Taufe war auch der Tag, an dem die Geräte abgeschaltet wurden.Wir haben uns mit ihr auf dem Arm auf einen Stuhl gesetzt und der Tubus wurde gezogen. Es konnte jeden Moment soweit sein.

Die kleine Maus wollte aber noch nicht gehen, denn sie war eine Kämpferin. Sie wollte leben. Weitere zwei Tage später wurden wir gefragt, ob wir uns nicht vorstellen könnten mit Isabelle nach Hause zu fahren. WAS? Mit einem kranken Kind nach Hause fahren? Wie stellten die sich das vor? Was, wenn etwas passiert und ich nicht richtig handeln könnte?

Nach einer weiteren anstrengenden Nacht auf der Intensivstation, in der alle paar Minuten der Alarm anging und die Sättigung abfiel, beschlossen mein Mann und ich, es zu wagen. Immerhin hatten wir ja noch ein weiteres Kind, das zu Hause auf Mama und Papa wartete. Uns wurde ein Palliativteam zur Seite gestellt, das uns bis nach Hause begleitete. Alle notwendigen Mittel zum Sondieren wurden uns zur Verfügung gestellt, jede Kleinigkeit erklärt.

Es gab nicht mehr viel zu tun, außer die Zeit zu nutzen und jeden Moment zu genießen. Und ja, ich habe jeden Tag und jeden Moment mit ihr genossen. Isabelle hat 19 Tage bei uns verbracht und dann kam der Abend, vor dem ich jede Sekunde Angst hatte.

Es war ca. 21 Uhr, mein Mann und ich saßen mit Isabelles größerer Schwester auf der Couch. Wie jeden Abend zuvor bat ich meinen Mann nachzusehen,  ob Isabelle noch atmet. Was für eine blöde Frage, denkt ihr euch. Doch diese Frage stellte ich mir ständig. Ich bin immer wieder zu ihr hin und habe nachgesehen, ob sie noch atmet.

Abends bin ich mit dem Gedanken schlafen gegangen, dass sie auch in der Nacht sterben könnte und ich es nicht mitbekomme. Doch ich hatte mir immer erhofft, dass ich sie im Arm halten, wenn es so weit ist und für sie da sein würde, damit sie diesen Weg nicht alleine gehen muss. Aber leider kam alles ganz anders. Am 02.04.2014 ist unsere kleine Isabelle, friedlich im Schlaf verstorben.

Mein Mann legte die Hand auf ihre Brust um zu prüfen, ob alles ok ist und sagte dann zu mir: „Da ist nichts, ich spüre nichts.“ Ich stürmte hin und hob sie hoch. Sie hing leblos in meinen Armen. Ich brach zusammen. Natürlich wusste ich, dass es kommen würde, aber ich konnte es trotzdem nicht verstehen. Völlig aufgelöst rief ich das Palliativteam an.

Was sollen wir tun? Wir wussten nicht weiter. Die Frau am Telefon hatte mich schnell beruhigen können. Sie überließen uns die Entscheidung, ob sie sofort kommen sollten oder ob wir uns in Ruhe verabschieden wollten und Isabelle die Nacht noch bei uns bleibt. Wir entschieden uns dazu, sie bei uns zu behalten. Mein Mann informierte unsere Eltern, die dann auch sofort kamen um Abschied zu nehmen. Meine Schwiegereltern nahmen unsere große Tochter Amelie zu sich, sie verstand ja nicht, was los war. Mein Mann und ich klappten die Couch aus, stellten die Wiege mit Isabelle neben uns, lagen einfach nur da und verabschiedeten uns in Ruhe von ihr. Ich konnte nicht mehr weinen, obwohl ich es wollte. Ich war einfach nur noch leer.

Am darauffolgenden Morgen kam gleich das Palliativteam mit einem Arzt, der den Tod bestätigte. Jetzt musste alles schnell gehen: Beerdigung planen und zum Friedhof fahren, um einen Platz auszusuchen. Es ging alles so rasend schnell.

Wenige Stunden später wurde Isabelle in ihrem kleinen Sarg liegend mitgenommen. Sie sah so friedlich aus. Als sie den Sarg schlossen, brach es aus mir heraus. Der Tag der Beerdigung war der schlimmste Tag meines Lebens. Jetzt wusste ich, dass es endgültig war. Ich musste endgültig Abschied nehmen.

Der schlimmste Moment – ich werde ihn nie in meinem ganzen Leben vergessen – war der Moment, als sie den Sarg mit diesem kleinen Engel in die Erde runter ließe. Da brach ich erneut zusammen. Diesen Moment habe ich heute noch vor Augen. Und noch heute treibt es mir die Tränen in die Augen, wenn ich daran denke. Es war die schlimmste und schönste Zeit meines Lebens. Sie macht mich zu dem Menschen der ich jetzt bin. Sie hat mich und meinen Mann zusammengeschweißt.

Wir werden Isabelle nie vergessen, sie ist in unseren Herzen.

 

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15 Comments

  • Reply Sarina 2. März 2017 at 21:29

    Was für einen wahnsinnige Geschichte!!! Was habt ihr Armen durchmachen müssen???! Aber ihr könnt so stolz auf eure kleine Kämpferin sein,… Mir tut es sehr leid für euch und ich wünsche es jeder Familie so etwas nicht erleben zu müssen! Ich drücke euch in Gedanken von Herzen und schicke ein Lächeln in den Himmel für Isabelle! Alles Liebe Sarina (juchu_hoch3)

  • Reply Kathrin 2. März 2017 at 22:14

    Ich bete für euch !

  • Reply Gina 2. März 2017 at 22:22

    Oh gott ich musste so weinen als och das gelesen habe ich wünsche euch alles Gute. Toll das du so mutig warst davon zu berichten!

  • Reply Anika 2. März 2017 at 22:25

    Was ihr durchmachen musstest lässt sich in Worte nicht beschreiben. Es rührte mich zu Tränen und löst soviel Emotionen und Gedanken aus. Es ist das schlimmste,was einen passieren kann und als Außenstehender findet man keine Worte dafür,die Trost spenden. Eine sehr gute Freundin hat auch den Verlust eines Sohnes erfahren müssen und ich frage mich oft, wo sie die Kraft hernimmt. Sie ist so stark obwohl sie und ihr Mann soviel Schmerz und Trauer erfahren haben. Genau wie du. Ihr macht weiter für beide Töchter und kämpft Tag für Tag mit den Dämonen. Ich wünsche euch weiterhin viel Kraft in schweren Augenblicken und Mut weiterzukämpfen. Möge es allen Sternenkindern im Himmel besser ergehen ohne Leid und mögen sie auf euch herab scheinen und Licht an dunklen Tagen bringen.

  • Reply Bonny (bonny_leviosa) 2. März 2017 at 22:28

    Danke das du das mit uns teilst..ich ziehe meinen Hut vor dir das du das kannst.Ich habe sehr geweint um eure kleine isabelle!alles alles l

  • Reply Rebecca Weyerhäuser 2. März 2017 at 22:48

    Mir fehlen die Worte und laufen die Tränen ….

  • Reply Dalali9806 2. März 2017 at 22:57

  • Reply Erika 2. März 2017 at 22:58

    Meinen größten Respekt an dich und deinen Mann! Ich ziehe meinen Hut für deine Tapferkeit so offen darüber zu schreiben! Ich wünsche euch nur das beste!

  • Reply Lisa 2. März 2017 at 23:08

    Ich sitze hier und weine! Es tut mir so unendlich leid! Ruhe in Frieden kleine isabelle ⭐

  • Reply Beccy 2. März 2017 at 23:27

    Unglaublich traurig und ergreifend dein Bericht. Ich finde es sehr mutig, dass du uns teilhaben lässt. Ich mag und möchte garnicht anmaßen mir vorzustellen, wie du/ihr euch gefühlt haben müsst und euch noch immer fühlt. Isabelle schaut von Oben zu und ist ganz ganz stolz auf ihre starke Mama, da bin ich mir sicher. Ich drücke dich ganz feste, Beccy

  • Reply BilleJosephine 2. März 2017 at 23:32

    Deine Geschichte zu lesen zerreißt mir mein Mutterherz. Danke dass du diese Geschichte mit uns geteilt hast es war sicherlich nicht einfach für dich und sicherlich die schwerste Zeit eures Lebens. Deine Geschichte lässt mich meine Familie und mein gesundes Kind nochmal viel mehr schätzen. Ich hoffe du kuschelst gerade mit deine Familie, eurer großen Tochter an der Seite und eurer kleinen in eurem Herzen ❤️ Sie ist euch bestimmt dankbar dass ihr ihr diese Tage auf der Erde so schön wie nur möglich gemacht habt.

  • Reply Ulrike 3. März 2017 at 5:29

    Wow, ich bin fix und alle. Mir laufen die Tränen übers Gesicht ohne ende. Meinen höchsten Respekt dir und deinem Mann. Ich denke so eine Situation möchte keine Mama erleben und wünsche euch das beste der Welt. Vielen Dank für deinen Mut, deine Geschichte zu erzählen. Die kleine Maus soll unvergessen bleiben ❤❤❤❤

  • Reply Vanessa 3. März 2017 at 7:26

    ❤❤

  • Reply Julia 3. März 2017 at 23:25

    Einfach nur sprachlos …
    Tränen kullern …

  • Reply Chrisney 23. März 2017 at 8:41

    Ich habe noch nie so eine furchtbare Geschichte gelesen .. Wahnsinn.
    Ich denke an euch.

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