#fürmehrrealität #sternenkinder

Sternenkind Lennart

16. März 2017

Man sagt, der “Diagnosetag” ist der Schlimmste.. man durchlebt jede Stunde noch einmal, es waren nur noch 10 Tage bis zum errechneten Termin.

Warum du gegangen bist, weiß ich nicht.. ich hoffe, es war friedlich, mein einziger Trost ist, dass du tatsächlich friedlich aussahst, im letzten Ultraschall hast du gelächelt, als wolltest du mir noch sagen “Mami, es ist alles okay..es geht mir gut..” den ganzen Tag hab ich dieses unbehagliche Gefühl verdrängt, hätte man vielleicht noch etwas tun können – hätte ich eher reagiert? Ich werd es nie wissen. Auch wenn schon über ein Jahr vergangen ist, der Schmerz ist da, tief und bösartig.. nur ohne Trance – Zustand, sondern komplett real und in Wirklichkeit, du kommst nicht mehr zurück, das weiß ich nun.. aber ich werd irgendwann zu dir kommen, das versprech ich dir, und dann holen wir alles nach, was wir hier so schmerzlich verpassen.

18.06.2015 – 08:30 uhr – Wir fuhren also ins Krankenhaus, um einleiten zu lassen, damit wir, ich und Lenni, uns voneinander verabschieden können. Davon, eine Familie zu werden.. es hat geregnet – und das tat es auch die nächsten Tage, ohne Pause. Ich kann mich an den vorhergehenden Abend nur noch wage erinnern, ich weiß auch nicht mehr, wie wir es tatsächlich geschafft haben, noch mit dem Auto heim zu fahren. Das Einzige, woran ich mich erinnern konnte war, dass Basti meinen Bauch im Fahrstuhl noch gestreichelt hatte..

Ich war so angeekelt von der Tatsache, ein totes Baby dort drin zu haben, dass ich seine Hand wegschlug.

Im Krankenhaus angekommen, stand meine Mama schon dort und umarmte unter Tränen Bastis Eltern. Wir gingen gemeinsam hoch zum Kreißsaal. Alle wussten Bescheid. Ein Oberarzt kam und rief über die Flure “scheiße, scheiße, scheiße ..eine verdammte scheiße ist das hier!” Während wir warteten, kamen immer mehr Schwangere, die sich neben uns setzten. Für mich war dieses Gefühl unerträglich – doch, was für eine Angst müssen die anderen bekommen haben? Wir gingen zu einer letzten Untersuchung.. dort wurden wir über alles aufgeklärt, leider bekam ich nur die Hälfte mit, aber.. was sollte ich schon beachten? Man wird jetzt sofort ins kalte Wasser geworfen und hat eh keine andere Wahl.

Als ich mich aber vor Weinen nicht mehr im Griff hatte, wurde der Ton bei der Ärztin forsch(er)

“Frau F.! Sie müssen mir zuhören! Ihr baby ist tot!”

Ja, ..habe ich verstanden, danke für den Hinweis.. wir wurden in einen Kreißsaal gebracht, dort waren alle ausnahmslos unglaublich lieb und betroffen..es wurde entschieden, mit einem Gel die Geburt einzuleiten. Mittlerweile waren Bastis Eltern gefahren, unsere Hunde mussten betreut werden. Meine Mutter blieb. Und das tat sie auch bis zur Geburt. Das Gel legen war extrem schmerzhaft, was aber wohl daran lag, dass die Oberärztin einfach ziemlich grob war. Ich musste nun 2 Stunden liegen, 2 Stunden, in denen sich meine Erinnerungen verwischen und ich in eine Art Trance-Zustand verfiel, weil ich mit der Situation komplett überfordert war. Nach dieser Zeit durfte ich mich bewegen. Wir gingen runter in einen kleinen Park, Welcher sich genau vor dem Krankenhaus befindet. Vom Gel merkte ich nichts – Keine Schmerzen. Mein Herz jedoch, tat umso mehr weh..dennoch haben wir kaum geweint, in der Hoffnung, es würde bald vorbei sein. Ich kann auch keine Zahlen der Öffnung des Muttermundes wiedergeben, weil es mir einfach völlig egal war, und ich wollte, dass es so schnell wie möglich ein Ende hat. Mir wurde noch ein zweites Mal Gel gelegt. Wieder nur mit mäßigem Erfolg. Gegen Nachmittag wurde ich an einen Wehentropf gehangen. Die Hebammen wechselten ihre Schichten. Man hatte den Eindruck bekommen, dass jede erleichtert war, dass es bei ihr “noch nicht soweit war” – was ich natürlich verstehen kann. Im Hause waren 2 tagelang Schulungen für Hebammen, ich fand es deswegen umso schöner, dass die “Chefin” der Hebammen extra wegen mir noch einmal hoch kam, um sich zu erkundigen. Leider war kein großer Fortschritt zu verzeichnen.

Die Dosis des Tropfes wurde erhöht und ich bekam endlich Wehen, schmerzhafte, ungerechte, sinnlose Wehen. Diese steigerten sich , in Schmerz und im Zeitabstand. Ich bekam Schmerzmittel gespritzt. Nachmittag platzte die Fruchtblase und ich war am Ende meiner Kräfte, nicht unbedingt wegen der Schmerzen als mehr aufgrund der Tatsache, dass mit dem Platzen der Fruchtblase alles so real wurde und ich wusste, es gibt kein zurück.. irgendwann waren die Schmerzen so unerträglich dass ich regelmäßig Schmerzmittel brauchte. Außerdem bekam ich noch ein Antibiotikum, da das Fruchtwasser nicht mehr vorhanden war, und auch nicht mehr damit zu rechnen war, dass Lenni an dem Tag noch kommt. Irgendwann war es so viel Schmerzmittel, dass ich nicht mehr gerade gucken konnte und ich mich übergeben musste… der Wehentropf blieb bis in die Nacht 23:30 uhr, irgendwann hab ich gebettelt, ihn abzunehmen, ich wollte einfach nur noch schlafen und für einige Augenblicke aus meinem persönlichen Alptraum fliehen.

19.06.2015 – ich schlief ein, ohne Wehentropf, der nach einem Telefonat mit der Oberärztin abgemacht werden durfte. Wie paradox, zwischen all der Verzweiflung und Trauer, hat es uns aufgemuntert, dass Basti auf einem Kreißbett geschlafen hat. Ja, es hat sich auch Vorfreude auf unseren Sohn eingeschlichen, man wird zum ersten Mal Eltern, auf die schlimmste Art und Weise, aber wie jeder ist man gespannt auf dieses perfekte, kleine Wesen. Basti hielt die ganze Nacht meine Hand, es war so kräfte – und nervenzehrend. Leichte Wehen begleiteten mich durch die Nacht.

Gegen 7:00 uhr wollte man uns wecken – wir baten um mehr Zeit. Ich wusste, ich muss Lenni heute gehen lassen, los lassen.. das war mir am Tag zuvor nicht möglich, ich konnte und wollte mich nicht verabschieden, im Gegensatz zu Mittwoch, wollte ich ihn in meinem Bauch behalten, nah bei meinem Herzen. Doch nun ist es so weit, er hat es verdient, dass ich ihn jetzt auf dieser Reise begleite.

Das war das letzte Mal, dass ich etwas ordentliches gegessen hab, obwohl ich gar keinen Appetit hatte, ich wusste ich brauchte Kraft heute. Während ich aß, wurde der Wehentropf befestigt und gleich mit hoher Dosis fortgesetzt, Wehen setzten erneut ein. Nach dem Frühstück kam meine “private” Hebamme um nach mir zu sehen, sie war ebenfalls zur Schulung. Wir verabredeten uns für den Tag der Geburt und machten gemeinsame Atemübungen, sie versicherte mir, dass es heute soweit sein wird. Als sie weg war, mussten wir uns Fragen stellen lassen, die nicht in einen Geburtssaal gehören.. eine Hebamme brachte uns einige Kärtchen, selbst gebastelt, von einer tollen Organisation.. wir sollten uns schließlich eine aussuchen, Gewicht, Datum, Größe.. Zeit der Geburt und wann er zu den Sternen gereist ist – es war alles so unrealistisch. Er war noch nicht einmal da, und dort stand gedruckt, dass er doch tot ist. Mein Herz zersprang in tausend kleine Teile. Völlig neben mir, suchten wir noch Sachen aus, ohne daran zu denken, dass wir doch welche mit hatten. Sein ursprüngliches Heimgeh -Outfit. Ich weiß noch, wie lange wir seine Tasche damals gepackt haben, mit diesem Kribbeln im Bauch, bis endlich alles perfekt war.

Das war es auch, bis auf dieses Ende. Wir wurden noch einmal gefragt, ob wir ihn obduzieren lassen wollen, er war doch noch gar nicht da!!! Warum und wie sollen wir das alles jetzt entscheiden? Aber ja, wir wollten wissen, warum er eingeschlafen ist..es setzten wahnsinnig starke Wehen ein, Presswehen. Ich versuchte die letzten Kräfte zu sammeln und wusste, gleich ist er da. Es waren vielleicht 4 starke Presswehen.

Am 19.06.2015um 13:06 Uhr, bei 38+6 in Merseburg, mit 2660 Gramm und 48cm groß, 37 cm Kopfumfang wurde unser Lennart geboren. Ohne Schrei, ganz leise und bedacht hinterließ er große Abdrücke in unseren Herzen. Ich merkte wie der kleine Körper regungslos und schlaff zusammen sackte, ich sah Basti an und wir weinten. Die schichthabende Hebamme weinte ebenfalls und sagte mir, wie stolz sie sei. Das waren wir auch! Lenni wurde in ein weißes Tuch gepackt und mitgenommen. Meine Mutter ging hinterher. Heute bereue ich, ihn nicht mit gewaschen und angezogen zu haben, aber ich hatte schreckliche Angst vor dem ersten Sehen. Der berühmte Hormonschub setzte ein, ich hätte nicht daran geglaubt, dass er unter solchen Umständen auch so ausgeprägt ist. Ich war unfassbar erleichtert und so stolz.. wie eine Mama.

Schnell hatten wir auch ohne Obduktion die Gewissheit, dass es zu 80% an der Nabelschnur lag, welche sich 2x um seinen kleinen Hals gewickelt hatte, er hatte deutliche Abdrücke am Hals. Es schnürt mir ebenfalls die Kehle zu, wie es dazu kam – ich wünsche mir, er ist einfach müde geworden und ganz sanft eingeschlafen. Meine Mutter erzählte uns, wie perfekt er aussieht. Irgendwann durften wir aufs Zimmer, später am Tag ging Basti in den Kreißsaal, um sich seinen Sohn anzusehen, ihn seinen Eltern zu zeigen und Fotos für die Ewigkeit zu machen. Warum wir diesen Moment nicht gemeinsam hatten? Ich konnte es nicht, es war zu früh, und ich überdorfert. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam er wieder. Er sah so unfassbar stolz aus, jetzt weiß ich natürlich, warum. Meine beste Freundin kam am Nachmittag ebenfalls, ich werde ihr bis ans Ende meiner Tage dafür dankbar sein – sie wollte Lenni sehen und ist mit Basti noch einmal runter.

Wir blieben eine weitere Nacht zur Beobachtung. Bis auf ein paar Kreislauf- Probleme ging es mir körperlich super. Samstag Vormittag entschied ich mich, Lennart das erste mal zu besuchen. Mir sprang das Herz beinahe aus der Brust, ich war so aufgeregt und hatte Schwierigkeiten, konzentriert zu atmen. Ich betrat den Kreißsaal, wo er geboren wurde. Und dort lag er, in einem Glasbettchen, eingekuschelt in Tücher, die Hand am Mund. Er war so winzig, so hübsch, Papas Nase, Mamas Mund. Perfekt. Und unser Baby, MEIN BABY. Ich streichelte seine so zarten Wangen. Die Haut schälte sich bereits leicht ab, man konnte klar erkennen, dass er leider nicht nur schlief, Blut lief ihm aus der Nase, seine Lippen waren kirschrot.
Diese Details rekonstruiert man im Nachhinein. Im Augenblick habe ich dies nicht wahrgenommen, ich war viel zu sehr damit beschäftigt, jedes einzelne Details in mir aufzusaugen, für immer.

Es war so still.. viel zu still und irgendwann wusste ich, es war Zeit zu gehen, für immer.

Ich öffnete ein Fenster, meine Mama sagte mal, dass wenn man ein Fenster öffnet, wo ein toter Mensch drin liegt, man somit die Seele fliegen lässt. Ihn nie wieder sehen zu können ist für meinen Verstand noch heute nicht greifbar. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, ob ich 1 oder 2 mal bei ihm war, in jedem Fall viel zu kurz. Am Nachmittag fuhren wir nach Hause, ohne Baby, mit der größten Trauer und Sehnsucht die einem das Atmen verbietet. Wir wussten durch meine Mutter (sie arbeitet beim Bestatter, welcher Lennis Beerdigung auch organisierte), wie lange Lenni noch im Krankenhaus sprich, in der Pathologie sein wird. Wir haben uns jeden Tag noch vor das Krankenhaus gesetzt, um ihm irgendwie nahe zu sein…. wir lieben dich, auf ewig und sind unfassbar dankbar für deinen kleinen Bruder, Levent, der am 08.10.2016 kerngesund das Licht der Welt erblickte.

DANKE für diese tolle Aktion und ganz ganz liebe Grüße,
Vanessa, mit Lennart im Herzen und Levent an der Hand

 

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18 Comments

  • Reply Ulrike 16. März 2017 at 22:44

    Tränen laufen in Strömen über mein Gesicht. Oh Gott ich habe höchsten Respekt vor euch beiden Vorallem vor dir, liebe Vanessa. Diese Vorstellung eine Geburt durchführen zu müssen… oh Gott. 😔 Ich finde eigentlich keine Wort. Ich wünsche euch alles Glück der Welt. ❤ ⭐️❤

  • Reply Jane 16. März 2017 at 22:53

    Puh, ich sitze hier und Weine bitterlich. Es ist unbeschreiblich wie schlimm sich das für Außenstehende anfühlt.. wie muss es dann für euch gewesen sein. Und dann noch der Grund seines Todes… Unbegreiflich… Grausam.. mein tiefstes Mitgefühl!! Und danke, dass ihr eure Geschichte teilt. Es darf einfach nicht verschwiegen werden, Sternenkinder und ihre Eltern müssen gesehen, unterstützt werden! Alles gute für euch und euer jetziges Regenbogenkind (so heißt es glaub ich wenn man nach einer stillen Geburt etc ein Kind bekommt)!!!

  • Reply Sevy Zadig 16. März 2017 at 23:00

    Lennart, du Engel, Ruhe in Frieden💙💙💙

  • Reply Magdalena 16. März 2017 at 23:27

    😥 Alles alles Liebe ❤️⭐️ Finde grad keine Worte..😭 .mein vollsten Respekt, finde gut dass Du deine Geschichte erzählt und teilst!

  • Reply Sarra 17. März 2017 at 0:01

    Ich weine.. oh man das ist ****! Alles liebe für euch💞💞💞

  • Reply Emilundmami 17. März 2017 at 0:04

    Tränen über Tränen bei mir 😢😢😢😢 so eine starke mama… ❤️

  • Reply Maria 17. März 2017 at 0:04

    Tränen über Tränen ❤😭 Wie unfassbar grausam das Leben sein kann😭

  • Reply Sara 17. März 2017 at 6:54

    Die Seele schreit, das Herz verblutet…
    Ganz viel Kraft für euch, denn diese braucht man ein Leben lang und da spreche ich leider aus Erfahrung.
    Ein Erlebnis das niemand gebrauchen kann und hofft davon verschont zu bleiben.

  • Reply Franzi 17. März 2017 at 7:53

    Eigentlich müsste ich mich mich längst für die Arbeit fertig machen, dich ich habe eben diesen Blogeintrag gelesen… nun liege ich bitterlich weinend im Bett. Diese Vorstellung zerreißt mit als Schwangere das Herz. Es tut mir so unendlich leid. Ihr seid so stark gewesen für euren Engel. Er wacht jetzt über euch. Ich wünsche euch von tiefsten Herzen alles Gute. :*

  • Reply Steffi 17. März 2017 at 7:54

    Wahnsinn, ich habe so geweint, ich wünsche euch weiterhin alles alles alles Gute und weiterhin viel Kraft.

  • Reply Wiebke 17. März 2017 at 16:44

    Ich konnte vor lauter Tränen nur schwer zu Ende lesen.Es ist so stark das du deine Geschichte teilst…ich wünsche euch alles gute und für alles viel Kraft🎈

  • Reply Stephanie 17. März 2017 at 17:43

    Ich möchte euch auch mein tiefstes Beileid aussprechen. Es ist unvorstellbar, wieviel Kraft und Mut ihr aufgebracht habt. Ich wünsche euch von Herzen alles Liebe

  • Reply Jen 18. März 2017 at 17:45

    Ich bin so fassungslos berührt. Du hast eure Geschichte, so schön geschrieben. Ich fühle mich dir bei jeder Zeile so nah. Gott allein weiß, wieso er euch Lennart genommen hat.
    Es fiel mir unheimlich schwer bis zum Schluss zu lesen, die Tränen haben mir die Sicht genommen.

  • Reply Juli 22. März 2017 at 23:15

    Es tut mir so unendlich leid. Ich heule gerade Rotz und Wasser. Und freue mich wahnsinnig für euch, dass ihr eurem Lennart einen kleinen Bruder geschenkt habt <3

    Liebe Grüße und alles alles Liebe für euch!
    Juli

  • Reply Yasemin 23. März 2017 at 21:47

    Meine Tränen fließen so stark:-( ich wünsche euch viel Kraft. Mein herzliches Beileid

  • Reply Feli 6. April 2017 at 21:57

    Ich kann mich nur anschließen… ich weine hier wie ein Wasserfall bei der Vorstellung was ihr durchmachen musstet. Mein tiefstes Beileid und größter Respekt, dass ihr so mutig seid eure Geschichte zu teilen.

  • Reply Julia Böhm 14. Mai 2017 at 21:37

    😭😭😭
    Du bist so ne tolle Mama!!
    Und stark! Unfassbar stark!

  • Reply Anonymous 19. Juni 2018 at 22:54

    Unvorstellbar was ihr durchgemacht habt! Sooo traurig!!! Ihr seid so stark und habt alles Glück der Welt verdient:)

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