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Sternenkind Linus – die Folgen einer Schwangerschaftsvergiftung

29. Juni 2017

Unsere Geschichte beginnt sehr abrupt. Wir waren erst sehr kurz zusammen und wohnten sehr weit voneinander entfernt als meine Regel ausblieb – ungeplant schwanger! Jedoch alles andere als ungewollt, es ging nur schneller als gedacht. Im Januar 2015 sollten wir Eltern werden. Ich hatte gleich zu Anfang Blutungen wegen eines Hämatoms und war dauernd krank geschrieben, bis ich dann im Juni mein Beschäftigungsverbot bekam. Meine Wohnung war schon gekündigt und im Juli zogen wir dann zusammen.

Ein neuer Frauenarzt war kein Problem für mich. Dachte ich.

Ich war frisch in der 28. SSW als ich zum zweiten Mal zum neuen Arzt ging, mein Freund hatte extra frei um auch mal beim Ultraschall zugucken zu können. Allerdings war gar kein Arzt im Haus, angeblich hatte man versucht mich zu erreichen. Wir bekamen das erste CTG und wussten ja nicht, wie das klingen oder aussehen musste. Als jedoch nach 20 Minuten die Praxishebamme wieder hereinkam und meinte, ihr gefalle das Ergebnis nicht, probierten wir es nochmal in einer anderen Position.

Nach weiteren 20 Minuten schickte sie uns sofort ins Krankenhaus, der Kreißsaal wüsste schon Bescheid. Ok. Gesagt, getan –  ohne zu wissen, was eigentlich los war.
Im Krankenhaus wurde erneut ein CTG geschrieben. Nicht nur einmal. Ich kam von Raum zu Raum, von CTG zu CTG. Auf keinem war viel zu sehen, das was aufgezeichnet war ließ alle nur rotieren. Gegen 20:00 Uhr kam endlich ein Assistenzarzt. Ich bekam einen Ultraschall an einem Gerät aus der Steinzeit.

Laut Arzt war unser Kind viel zu klein, schätzungsweise etwa 340 g. Es war sehr schwer zu Messen, weil kaum Fruchtwasser vorhanden war. Er rief sofort den Oberarzt und erklärte uns, dass wir uns auf einen Kaiserschnitt einstellen sollten.

Wir waren durcheinander. Innerhalb von wenigen Stunden wurde unser ganzes Leben völlig umgekrempelt. Ich wollte dieses Kind gerade so gar nicht mehr bekommen, ich hatte nur noch Angst.
Der Oberarzt kam und machte auch einen Ultraschall. Bestätigte damit, was uns schon gesagt wurde. Ich bekam eine Lungenreifespritze und unterschrieb sämtliche Papiere, was Kaiserschnitt und Geburt sowie Versorgung des Kindes anging.

Inzwischen wurde der Chefarzt angerufen, der von seinem Abendessen direkt zu uns kam, was mir persönlich sehr unangenehm war. Der Chefarzt an seinem freien Abend. Der Oberarzt an seinem freien Tag…
Mit dem Chefarzt ging es dann an ein neueres Ultraschallgerät. Man konnte plötzlich etwas erkennen, aber es wurde bestätigt: er schätzte auf 360 g.

Zur Erinnerung, ich war 28+1, da rechnet man mit einem knappen Kilo, Linus war gute 8 Wochen zurück. Meinem Frauenarzt war der Wachstumsrückstand 4 Wochen vorher offensichtlich nicht aufgefallen.

Die letzte Aussage des Chefarztes war: “Sie haben eine Schwangerschaftsvergiftung. Ihr Kind muss raus, anderenfalls stirbt es in den nächsten Stunden. Und sie danach womöglich auch.”

Es wurde ein OP-Team zusammengerufen und ich für den Kaiserschnitt vorbereitet. Ich hatte den allercoolsten Anästhesisten überhaupt. Dieser war total entspannt und locker und hat mich gefragt ob ich aufgeregt wäre – doch ich war es nicht. Mein Kopf war total rational. Nicht der Meinung dieses winzige Kind lebend kennenzulernen.

Ich hielt dies für unmöglich. Ich war dabei mein Leben zu retten und wenn alles gut ginge, auch das Leben meines Babys. Aber das war für mich nur noch eine geringe Chance. Mein Freund durfte nicht mit in den OP. Es war zwar kein Not-Kaiserschnitt, aber ein sehr eiliger. Noch dazu bei einem so kleinen Kind war höchstmögliche Konzentration gefragt. Der Anästhesist lenkte mich ab so gut er konnte, wofür ich ihm immer noch sehr dankbar bin.

Und dann hat Linus geweint.

Linus. Er hat uns tatsächlich begrüßt, er hat geweint wie ein Neugeborenes das eben so macht. Viel leiser und höher als ein großes Baby – aber wie ein Baby. Der Anästhesist war total baff und neugierig. Der Chefarzt selbst hatte Linus entwickelt und in den Nebenraum zum Neo-Team gebracht. Von da an Stand mein Anästhesist am Fenster und hat alles für mich dokumentiert. Mein Sohn hat selbstständig geatmet. Sie haben ihn intubiert und er hat sich selbst vom Tubus befreit. Er wollte Leben und uns kennenlernen.

Ich kam in ein Wehenzimmer zur Beobachtung. Mein Freund machte alle Papiere für die Aufnahme fertig. Für mich. Und für Linus. Und bevor das Neo-Team auf Station gefahren ist kamen sie zu mir und zeigten mir mein Kind. Ich bekam 2 Fotos von ihm und sie verabschiedeten sich. Und ich lag da nun, alleine, kein Stück müde – um 23:00 Uhr. Irgendwann kam mein Freund und sagte nur eben Bescheid, dass er nach Hause fahre.

In dieser Nacht habe ich nicht geschlafen.

Am nächsten Vormittag durfte ich zu Linus. Ich musste dafür in einen “Vorkriegsrollstuhl” und wir fuhren in ein anderes Gebäude, mit Fahrstühlen für die man einen Schlüssel braucht. Ich fühlte mich wie ein VIP.
Endlich waren wir bei Linus. Ich weiß noch dass ich die ganze Zeit gestanden und zugeguckt habe und mich wirklich kaum getraut habe ihn anzufassen weil er so klein war. Exakt 360g. Ich durfte ihn halten, im Inkubator. Eine Hand über dem Kopf eine unter die Füße. Begrenzen, das gibt ein Gefühl von Sicherheit. Meinen Freund musste ich überreden, er hatte Angst er mache ihn kaputt. Ich glaube wir waren etwa eine Stunde da, dann konnte ich nicht mehr. Ich habe den Rest des Tages Schlaf nachgeholt, mein Freund war fast den ganzen Tag oben.

Nachts kam dann eine Schwester in mein Zimmer. Ich war sofort wach. Sie schob mein Bett raus und sagte mir, ich käme in ein anderes Zimmer. Irgendwie wusste ich da schon was los war.

Kurze Zeit später kam ein Oberarzt der Neointensiv rein, mein Freund weinend hinter ihm. Der Arzt hätte es gar nicht sagen müssen. Ich sagte nur ‘ist schon ok’. Und zu meinem Freund sagte ich ‘komm her’, nahm ihn im Bett in den Arm und sagte ‘wein dich ruhig aus’. Mein Freund wurde zu Hause angerufen und war schon oben bevor mein Zimmer gewechselt wurde. Es hätte mir ja auch nichts gebracht es vorher zu wissen, ich konnte ja noch gar nicht normal laufen. Langsam kamen bei mir auch Tränen. Ich war aber zugleich furchtbar erleichtert.

Das klingt so hart, so kalt, so ohne Liebe. Aber es ist wahr.

Und je länger das alles her ist desto sicherer bin ich mir dass das so richtig ist dass es passiert ist, ganz egal wie schrecklich und furchtbar und traurig es ist.
Linus wurde uns gebracht, in einen kleinen aber trotzdem viel zu großen Body gewickelt und mit einem gestrickten Mützchen, in einem kleinen Nest liegend. Wir haben Fotos gemacht und eine Schwester hat von uns Fotos gemacht und wir haben gekuschelt. Und wir haben uns verabschiedet. Es war schlimm – aber es war ok.

Wir haben unseren Sohn Linus kennengelernt und er hat sich bei uns verabschiedet. 26 Stunden war er bei uns, 26 Stunden hat er es versucht aber nicht geschafft. Er war einfach zu klein, seine Organe waren zwar fertig entwickelt aber zu klein, zu zart, sie haben es nicht geschafft ihn am Leben zu halten.

Linus hat seine Augen nie geöffnet.

Wir wussten, wenn Linus bliebe würde er schwerbehindert sein, vermutlich blind und taub – was im Gehirn sonst noch unterentwickelt war konnte man so früh nicht sagen. Jemand hat uns eine große Last genommen, ein krankes Kind, und uns dafür die große Last des toten Kindes gegeben.
Keines davon ist einfach. Doch für uns war dies der leichtere Weg. Unsere so junge Beziehung ist dadurch unendlich stark geworden. Wir sind zusammengewachsen wie siamesische Zwillinge. Ein krankes oder behindertes Kind hätte uns vermutlich gebrochen. Mich auf jeden Fall, meinen Freund wohl auch und ganz sicher unsere Beziehung.

Und auch wenn das jetzt wieder komisch klingt, in diesem Moment haben wir uns nichts mehr gewünscht als ein Kind. Ein lebendes gesundes Kind. Und am Tag meiner Entlassung aus dem Krankenhaus fragte mein Freund den Chefarzt wann ich wieder schwanger werden dürfte, jetzt nach dem Kaiserschnitt. Und auch wenn jetzt alle denken: kann nicht sein – er hat gesagt 3 Monate. Und das wäre Mitte Januar gewesen. Kurz nach dem eigentlichen ET von Linus.

Und was soll ich sagen, unser Engel hat uns im Januar eine kleine Seele geschickt. Ich war Dank wieder neuem Arzt sofort im Beschäftigungsverbot und hatte wieder ein viel zu kleines Baby und zu wenig Fruchtwasser und endete für 6 Wochen im Hochsommer im Krankenhaus.

Das gleiche wie beim ersten Mal, Plazentainsuffizienz und damit ein unterversorgtes Kind.

Dieses Mal nicht so gravierend durch ASS von Beginn an und im Krankenhaus dann Heparin. Aber ich habe ein lebendes gesundes 1800g leichtes Baby bekommen, es gab einen geplanten Kaiserschnitt bei 32+5 und 4 Wochen Neo und wir sind mit einem knapp in 50 passenden 2kg Kind nach Hause gegangen. Einem wilden, irren Kind mit einer riesigen Meise. Schon im Inkubator nannten wir sie Monster. Und sie hat einen grandiosen Schutzengel, den kleinsten großen Bruder den man sich vorstellen kann.

Im August wird Leni 2, und im Oktober wird Linus 3. Wir sind Eltern von 2 Kindern, aber nur eines wohnt bei uns. Das andere wohnt bei den Sternen und von da sieht es uns und wartet auf uns.

Vielen Dank an @ellivomland

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