#schwangerschaft #sternenkinder

Sternenkind Marie

22. Juni 2017

Ich hatte, man muss es dazu sagen, eine seltsame Schwangerschaft. Während ich 9 Monate immer der festen Überzeugung war, dass etwas nicht stimmt, haben mir alle Ärzte versichert, dass mein Kind quietschfidel und absolut gesund ist.

Zu diesen Ärzten zählten 5 Frauenärzte, 3 davon Pränataldiagnostiker, 2 davon waren Chefarzt für Pränataldiagnostik und spezialisiert auf Fehlbildungen, eimer davon sogar auf komplexe Fehlbildungen für Frühchen unter 500 Gramm.

Mein Kind war zu schmal, nicht zu klein, aber zu dünn. Alles in mir brüllte, dass etwas nicht stimmte.

Im 9. Monat zwang ich diese Stimme zur Ruhe, besagter letzter Chefarzt mit allen Spezialisierungen hatte alle Organe gecheckt, 4 Kammer-Blick sichtbar gemacht und gesagt, dass wirklich alles okay sei, man nur die Plazenta im Auge behalten müsse, daher nämlich das geringe Gewicht von ca. 1500 Gramm in SSW34.

Der Geburtsvorbereitungskurs war abgeschlossen, der Babypflegekurs ebenfalls und ich ließ mich auf meine Schwangerschaft ein, besser spät als nie.

Ich ließ meine Ängste los, vertraute den Ärzten und entschuldigte mich bei Mini-Me für mein Misstrauen. Am nächsten Morgen sollte ich nochmal ins Krankenhaus, zur Kontrolle, genervt von dem erneuten Termin packte ich meine Markttaschen, war doch eh alles gut… kurz rein und dann ab auf den Markt, einkaufen.

Dem Göttergatten erlaubte ich zuhause zu faulenzen, schließlich war ja nix: losgefahren, angekommen. Die Oberärztin war beschäftigt, der Chefarzt im Wochenende, also untersuchte mich eine Assistenzärztin, die immer mehr Schweißperlen auf der Stirn bekam. Ich weiß noch wie ich dachte: “Mann, hat die einen schlechten Kreislauf… was schwitzt die denn so?”. Dann rief sie etwas hektisch die Oberärztin und bat mich runter in die geschlossene Klinikpraxis zu gehen, da hätte man ein besseres Gerät.

Ich, ganz dümmlich und vertrauend in mein baldiges Glück, watschelte nach unten und war etwas genervt, denn ich wollte doch unbedingt noch Portulak kaufen, der war immer gleich weg auf dem Markt.

Die Oberärztin kam, die Assistenzärztin kam, eine andere Ärztin kam und dann fiel der zögerliche Satz der Oberärztin: “Ähhhh, ihr Baby hat einen komplexen Herzfehler, wir müssen Sie sofort verlegen, ihr Kind muss heute geholt werden! Kann sein, dass ich unrecht habe und mein Chefarzt wird mich dafür umbringen, denn er hat ja hier ‘4-Kammer-Blick sichtbar und in Ordnung angegeben’,… aber ich sehe da was. Ich lasse sie nach Tübingen bringen.”

Ich verstand nicht richtig, mein Kind war doch gesund, ich war doch immer die bekloppte Olle, die nur das Gefühl hatte, dass etwas nicht stimmte, gestern hatte ich doch erst diese Ängste endgültig abgelegt und gesagt, dass nun alles gut ist….. hatte ich etwas nicht mitbekommen?

Ich blieb ruhig,… sicher ging es da um eine Verwechslung. Aber irgendwann dämmerte es mir, dass es doch um mich ging, denn ich bekam sofort die Lungenreife gespritzt. Ab da hatte ich meine alte Angst wieder, ich hatte es immer gewusst! Die Ärztin rief meinen Mann an, da ich auch in einer Klinik arbeite erklärte sie mir auf Arztdeutsch die Fakten, ohne um den heißen Brei zu reden.

Der Herzfehler war schwer, aber operabel, heute Abend wäre ich Mama, ich solle ruhig bleiben. Sie ließ mich und meinen Mann sogar selbst nach Tübingen fahren, denn der Krankentransport, da waren wir uns einig, wäre Verschwendung für Notfälle.

In Tübingen warteten bereits alle auf uns, Samstagabend, der Pränataldiagnostiker auf Abruf wurde aus seinem Hochzeitstag geholt.Ich lag im Ultraschall, aufgeregt, erwartungsvoll, bald Mama!Und was sagte mir der empathische Arzt?

“Da wird heute nix geholt. Das ist doch überhaupt nicht lebensfähig, ne Trisomie 18, so wie ich’s sehe mit allem was geht organisch! Waren Sie nie bei der Vorsorge??”

Ich habe diesen Satz immer noch in den Ohren. Ich wollte ihn packen und ihm sagen, dass er seine freche Klappe halten soll, ich war alle 4 Wochen beim Arzt, in 3 Krankenhäusern, bei 5 Ärzten! Stattdessen sagte ich nichts und hörte ein Rauschen, ich fühlte nichts außer meinen Puls.

Schockzustand, kein Zugriff auf Gefühle, wie ein Automat der außer Betrieb war. Ich war ruhig, sachlich, verstand die Sachlage, funktionierte, mein Herz verstand gar nichts, war in den Safety-Modus gegangen.

Die Fruchtwasseruntersuchung wurde gemacht, ein Kinderarzt kam zu uns und erklärte uns alles. Wie krank unsere Tochter wäre, dass kein einziges Organ gesund wäre, es ihr bereits wahnsinnig schlecht ging und er sich gerne mit uns über einen Abbruch unterhalten würde.

Der Faktenlage nach war der Fetozid das einzige was unserer Tochter einen einigermaßen schmerzfreien Abschied von dieser Welt gewährleistete. Nur mein Hirn funktionierte, wog ab und entschloss dann, dass es richtig war, ich kannte die Sachlage, die Diagnose und Prognose dazu.

Ich als Mutter war egal, es ging um mein Kind und ich wollte es vor Schmerz und Leid schützen. Fetozid, das bedeutete mit einer Spritze in ihr Herz zu stechen, durch meine Bauchdecke und ihr kleines, schwaches Herz zum Stehen zu bringen. Klingt grausam ist aber humaner, denn es ist ein Tod von unter zwei Sekunden. Die Alternative in unserem Fall war Ersticken unter der Geburt oder aber auf der Welt langsam und qualvoll an Multi-Organ-Versagen zu sterben mit Luftröhrenschnitt und Morphium.

So starb meine Tochter in mir und durch meinen Willen, keine 4 Wochen vor dem Entbindungstermin. Und doch hab ich mich für meine Tochter entschieden und nicht gegen sie.

Ich wäre für sie gestorben, hätte sie dadurch gelebt. So konnte ich als Mama nur dafür sorgen, dass sie so wenig Schmerzen wie möglich hatte, so wenig Stress wie möglich…Mein Herz, dass wie gesagt im Safety-Modus war, setzte erst bei der Fetozidspritze wieder ein, in dem Moment wo sie das Herz traf.

Ich spürte es, ich spürte mein Kind, ihre kleine Seele. Ich kam zu mir, wie nach dem Auftauchen eines Waterboarding. Ich weinte stille, heiße Tränen, meine Tochter war tot, die Geburt wurde vorbereitet für den nächsten Tag.

Diese Nacht mit meiner toten Tochter in mir war jedoch so viel weniger schlimm als ich gedacht habe, so ehrlich muss ich sein. Ich hatte sie, sie war bei mir, ich war ruhig, fokussiert auf die Geburt, ich freute mich trotzdem unglaublich auf sie! Die Einleitung am nächsten Morgen ging schnell, viel zu schnell und viel zu heftig setzten Wehen ein, die nicht mehr in den Griff zu bekommen waren.

Ich schwebte in Lebensgefahr, meine Gebärmutter drohte zu reißen, mir war zu viel Schmerzmittel verabreicht worden was nicht wirkte, die PDA stieg auf, ich konnte mich nicht mehr artikulieren, mein Oberkörper war gelähmt worden, statt meines Unterleibs, ich bekam keine Luft mehr. Die Wehen waren mit 2 Minuten viel zu lang und die Pause von 5 Sekunden viel zu kurz, Wehenhämmer reagierten jedoch nicht.

Und dann war sie da und alles hörte auf. Ich wurde schlagartig klar im Kopf, wollte meine Tochter haben, die Schmerzen waren weg. Ich konnte mich bewegen, auch wenn die Ärzte es nicht glauben konnten. Und dann saß ich da mit ihr. Ich war Mama ich war glücklich und es gab nichts schöneres: sie war so bezaubernd und ich so verdammt stolz!

Sie sah perfekt aus äußerlich und ich war total verliebt. Mein Mann war genauso verzaubert. Wir wuschen sie, zogen sie an und machten Bilder. Hätte mein Mann nicht irgendwann gesagt, dass wir gehen müssen, säße ich heute noch mit ihr da und würde versuchen sie zu wärmen.

Der Aufschlag kam erst 3 Tage später, davor war ich so voller Mutterglück, dass ich keine Tränen hatte, doch dafür traf es mich dann richtig. Überall spürte ich sie, ich wachte nachts auf, weil ich sie schreien hörte, doch da war nichts. All das ist normal für frische Sternenmamas, aber es ist so unendlich hart! Meine Schwester brachte wenige Wochen nach mir ihre Tochter zur Welt, unsere Töchter wären nur 10 Tage am eigentlichen Entbindungstermin auseinander gewesen.

Ja, ich habe meine persönliche Hölle durchschritten, aber ich bin für mich selbst wie Phönix aus der Asche gekrabbelt und ja, ich bin jetzt Mama – Sternenmama. Ich habe gekämpft, mich um mein Trauerbaby gekümmert und jetzt 8 Monate danach geht es mir wieder gut. Ich kann wieder lächeln, sogar lachen.

Vieles hat sich geändert, meinen Job musste ich aufgeben, eine Zeitlang hatte ich Panikattacken, aber ich stehe auf meinen Beinen und bin glücklich mit meinem Sternenkind. Niemand kann sie mir wegnehmen, niemand wird ihr je wehtun, sie wird immer meine Erstgeborene sein, nie vergessen werden.

Der Tod hat seine Macht verloren, denn ich habe sie jeden Tag bei mir, meine Tochter und nehme sie im Herzen überall hin mit. Sie hat mich noch achtsamer und zu einem besseren Menschen gemacht. Ich bin so viel ruhiger geworden, heißt, ich habe meine Mitte gefunden. Wenn ich gestresste Mütter sehe, die über ihre Kinder schimpfen, dann lächle ich meiner Tochter zu, denn sie hat mir noch nie Ärger gemacht.

Ich liebe sie, und unsere Liebe geht weit über den Tod hinaus. Ich schreibe viel über den so viel verschrienen Fetozid, den ich bisher nie bereut habe. Ich schreibe über die Liebe zu meinem Kind und versuche Müttern, die neu in meine Situation kommen so gut es geht zu helfen, denn Geschichten, die zeigen, dass hinter einer stillen Geburt nicht die Versenkung beginnt und das Ende der Welt sind wertvoll.

Schwangere zu schützen vor solchen Gesichte bringt nichts. Besser ich wäre einmal in der Schwangerschaft damit konfrontiert worden, besser ich hätte mich einmal damit beschäftigt. So musste ich das Rad für mich neu erfinden und der Schutz wurde zur Falle, denn ich war so unerfahren mit meinen, zu diesem Zeitpunkt, 25 Jahren. Da bricht so viel über einem zusammen, was so viel leichter gemacht werden hätte können, hätte man einmal davor drüber nachgedacht, einen Plan B gehabt.

Das ist meine Geschichte und die meiner Tochter Marie, die am 09.09.2016 um 15:29 mit 1309 Gramm zur Welt kam und mir die Größe und das Gewicht der wahren Liebe verraten hat. Ich werde dich immer lieben mein Schatz!

Goldstueck9916


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6 Comments

  • Reply Yasemin 22. Juni 2017 at 13:58

    So traurig deine Geschichte:-(( schlimm das die Ärzte nichts gesehen haben. Ich wünsche deinem Mann und dir alle Kraft dieser Welt

  • Reply Dagmar 22. Juni 2017 at 20:41

    Danke das Du so mutig bist und Deine Geschichte teilst! Wenn ich sage, das ich diese Entscheidung bewundere, klingt das irgendwie komisch….Ich finde aber, wirkliche Fürsorge ind Verantwortung, muss manchmal die eigenen Gefühle komplett ignorieren. Und von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist Deine/Eure Entscheidung für mich nur zu bewundern.
    Ich wünsche Euch viel Glück und weiterhin auch Gründe zum Lachen!
    Herzliche Grüße
    Dagmar

  • Reply Lena 23. Juni 2017 at 18:08

    So schön und so ehrlich geschrieben! Nichts ist beschönigt! Sowas ist leider leider leider Alltag! Aber es wird totgeschwiegen! Danke für deine brutal ehrlichen Worte und dir nur das aller Beste!
    Ein kleines Sternenkind, ebenfalls mit Trisomie 18 , war damals auf der Neo Intensiv meine erste, unerwartete Sterbebegleitung …

  • Reply Seyhan 26. April 2018 at 19:34

    Das tut mir so leid…deine Worte und Geschichte ließen mich weinen…fühl dich gedrückt..

  • Reply Na 3. Juli 2018 at 22:26

    Danke für deine Geschichte, bei unserem Sohn passte auch alles in der Schwangerschaft, als sie ihn holten begann der Horror und wir kämpften mit ihm 5 Monate lang.
    Ich drück dich, und ja unsere Kinder sind jetzt immer bei uns, egal wohin wir gehen

  • Reply DANIEL 18. Juli 2018 at 8:29

    Oft vergessen wir das riesige Glück das wir haben ein gesundes Kind auf die Welt bringen zu dürfen (bin Papa von einem 10 Wochen alten Sohn). Aber leider ist es nicht immer ein Geschenk Gottes :( ich bewundere deine Kraft und hoffe dass du schon wieder Mama geworden bist.

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