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Sternenkind Matthis – Traumgeburt mit traumatischem Ausgang

1. Juni 2017

Manchmal schlägt das Schicksal zu, wenn man es am wenigsten erwartet. Und dann steht man erneut vor einem Scherbenhaufen und weiß nicht wie man diesen bewältigen soll.

Aber von vorne: Mein Mann und ich wünschten uns schon sehr lange Kinder, haben uns jedoch an die vielen Ratschläge anderer gehalten und gewartet bis meine Ausbildung beendet war und wir geheiratet hatten. Dann war mein erster Gang zum Frauenarzt, denn ich wusste schon länger, dass ich unter einer Hormonstörung namens PCOS litt, die es unter Umständen erschweren könnte, schwanger zu werden. Meine Frauenärztin begann dann auch gleich mit Hormontherapie und so haben wir 1,5 Jahre nach der Uhr und auf Befehl versucht ein Kind zu bekommen, was nicht klappte. Unser Weg führte uns weiter in eine Kinderwunschklinik, da es bei meinem Mann auch nicht sonderlich gut aussah.

Über Insemination bis zur künstlichen Befruchtung und nach einem Wechsel der Praxis hörten wir nach 5 Jahren am Telefon das erste Mal die magischen Worte „der HCG-Wert ist positiv – sie sind schwanger!“.

Die dritte künstliche Befruchtung hatte, auch nach einer Gewichtsabnahme meinerseits, endlich Erfolg gehabt. Doch bereits wenige Wochen später war der Traum vorbei und unser Sternchen verabschiedete sich in der 7. SSW wieder von uns. Ich sah es positiv, endlich nach so langer Zeit hatte sich eine kleine Seele zu mir verirrt, ein gutes Zeichen. Allerdings mussten wir uns erstmal berappeln und erst ein Jahr später, bei der vierten künstlichen Befruchtung, klappte es erneut. Ich landete jedoch mit einer schweren Überstimulation im Krankenhaus, hatte Wasser im Bauch und sah aus wie kurz vor der Entbindung, konnte kaum atmen und hatte ziemliche Schmerzen. Den Kampf um diese zweite kleine Seele verlor ich in der 12. SSW und wir waren sehr traurig. Sollte es jemals klappen? Zu diesem Zeitpunkt war ich mir nicht bewusst, dass ich eigentlich bereits Mama war – eine Sternenmama.

2015 war die nächste künstliche Befruchtung geplant. Keiner von uns hatte je damit gerechnet, dass wir einen so schweren Weg gehen müssen, vor jedem Versuch waren wir immer positiv gestimmt. Der fünfte Versuch wurde also geplant. Wir wollten starten – doch die Periode blieb aus. Das ist bei mir generell ein Problem, da ich zwischenzeitlich Zyklen von über 200 Tagen hatte. Dies hatte sich jedoch auf durchschnittlich 42 Tage reduziert, durch die Versuche, die Medikamente und die Gewichtsabnahme. Ich begann nervös zu werden… wir wollten doch starten!

Aus Spaß machte ich einen der Billig-Schwangerschaftstests, die mal in irgendeinem Paket gewesen waren. Ich ließ den Test im Badezimmer liegen, da ich sowieso von einem “Negativ” ausging, machte Kaffee und setzte mich dann ins Büro. Nach einer Weile fiel mir der Test wieder ein, den ich noch entsorgen wollte, bevor mein Mann ihn fand und mich für verrückt erklärte…

Ich marschierte also ins Bad und wollte den Test schon in den Mülleimer werfen als ich noch einen Blick darauf warf und – 2 Linien sah. Was!? Es sollte sich tatsächlich bewahrheiten – ich war schwanger! Auch die vielen weiteren Tests sagten nichts anderes. Sollten wir nach bald 7 Jahren Kinderwunschbehandlung einer der wenigen Paare sein, die das Wunder einer natürlichen Schwangerschaft erleben dürfen? Wir durften! Wenige Wochen später stellte meine Frauenärztin eine erfolgreiche Schwangerschaft fest, das Herzchen schlug. Ich wechselte noch einmal die Frauenärztin, suchte mir eine Hebamme. Wir erlebten eine wunderschöne und komplikationslose Schwangerschaft, keine Beschwerden, keine Auffälligkeiten. Unser Baby wuchs, zappelte und strampelte. Wir fuhren in den Urlaub zusammen und machten Fotos mit dem kleinen Platzhalter Stanley, den wir für ihn ausgesucht hatten. Jeden Tag eins – zum Zeichen, dass unser kleines Wunder bereits einen Platz bei uns hatte. Wir machten ein Babybauchshooting und später sogar einen Bauchabdruck, obwohl ich immer sehr unzufrieden war, weil ich keinen so schönen Babybauch wie all die anderen Schwangeren hatte. Worüber man sich doch ärgert wenn man nicht weiß, dass es viel schlimmer sein kann.

Dann, kurz vor ET, begann ich mir Sorgen zu machen. Mein Baby bewegte sich seltener und gab auch oft keine Antwort, wenn ich „anklopfte“. Bei der Vorsorge war jedoch alles in Ordnung, das Herz schlug.

Dann kam der Tag, der unser Leben für immer verändern sollte. Der Papa war noch zu seinem Vater gefahren, der Geburtstag hatte, und war 400km weit weg. Ich war Mittags noch einkaufen gewesen, als Nachmittags die Rückenschmerzen zunahmen. Wärmflasche half nicht, im Gegenteil. Es entwickelten sich Wehen im Abstand von 10, später 6 Minuten. Ich ging mit meinen Eltern essen, da mein Mann ja nicht da war, und veratmete im Restaurant zwischen Schnitzel und Salat die Wehen. Parallel gab ich meinem Mann Bescheid, er möge sich doch bitte auf den Heimweg machen, immerhin hatte er noch 400km vor sich. Gegen Mitternacht kam der werdende Papa nach Hause, um 1 Uhr nachts riefen wir nach dem Blasensprung die Hebamme an. Sie kam, kontrollierte und wir verabredeten uns für ca. 8 Uhr im Geburtshaus. Die Nacht verbrachte ich auf dem Sofa mit Wehen, entschuldigte mich abwechselnd bei meinem Mann und unserer Katze für mein Stöhnen. Obwohl es anstrengend war, genoss ich die Zeit und die Vorfreude. In wenigen Stunden würde ich mein Kind in den Armen halten!
Am Morgen, nachdem wir uns von unserer Katze verabschiedet hatten, fuhren wir die 2 Minuten ins Geburtshaus, in dem uns die Hebamme schon erwartete. Bereits kurz nach unserer Ankunft begannen die Presswehen. Im Vierfüßler Stand vor dem Bett im Geburtszimmer ging es am Besten… 2-3x Pressen, Durchatmen, Pause nutzen, wieder Pressen. Zwischendurch wechselten wir aufs Bett zum Kräfte sammeln oder liefen für eine kurze Weile herum. Ich wurde mit süßem Tee versorgt und immer wieder motiviert. Die Stimmung war super und ich genoss die kleinen Witze in den Wehenpausen.

Dann war endlich das Köpfchen zu sehen, mein Mann durfte schon mal fühlen und auch unten gucken wie es voranging. Blonde Löckchen konnte er erkennen. Dann ging es plötzlich ganz schnell.

Eine Hebamme rief den Notarzt. Die andere entschuldigte sich zig Mal dafür das sie nun einen Dammschnitt machen müsste. Angeblich merkt man den Schnitt aufgrund des Drucks vom Kopf ja nicht, aber solche Schmerzen hatte ich noch nie. Ich habe so sehr gebrüllt, so laut wie noch nie in meinem Leben. Sekunden später –  am 3.10.2015 um 12:42 Uhr – war mein Baby da. Mein kleiner Junge – Matthis!

Kein Laut, kein Schrei. Zeitgleich stürmten die Sanitäter ins Zimmer und begannen mit der Reanimation. Ich rollte mich auf dem Schoß einer Hebamme zusammen, mein Mann saß neben dem Bett und weinte bitterlich. Ich griff nach der Hand von Matthis und lies nicht los, zu groß war da plötzlich die Angst sie würden ihn mir wegnehmen.

Eine kleine leblose Hand, die nicht nach meinem Finger griff. Endlose Minuten verstrichen… keiner wollte aufgeben. Für eine Sekunde stand ich vor der Entscheidung völlig durchzudrehen oder mich zurückzuziehen – und wurde ganz ruhig. Erst über eine halbe Stunde später schüttelte die zwischenzeitlich auch eingetroffene Kindernotärztin mit Tränen in den Augen den Kopf. Keine Chance, keine Hoffnung. Mein kleiner so sehnlichst erwarteter Junge, mein kleines Wunder, war gestorben.

Das Rettungsteam packte seine Sachen zusammen und zog sich leise zurück, zeitgleich trafen die Beamten der Kripo ein, wie wir später erfuhren. Die Hebamme wickelte Matthis in ein kuschliges Handtuch und gab ihn mir auf den Arm. Endlich hatte ich mein Baby auf dem Arm und wusste doch, dass ich ihn schon sehr bald wieder würde abgeben müssen. Ich war so traurig und gleichzeitig so glücklich, unglaublich widersprüchliche Gefühle.

Er roch ganz wunderbar nach Baby, er war absolut perfekt und so komplett… alles was fehlte war ein Atemzug, ein Schrei.

Matthis sah aus als wäre er gerade in meinem Arm eingeschlafen. Die Hebamme ließ uns eine Weile mit unserem kleinen Jungen allein. Ich saugte alles auf, wie er aussah, wie er sich anfühlte, wie er roch. Jedes Detail. Die Nase von der Mama, den Mund vom Papa.

Kurz darauf kam unsere Hebamme zurück. Das Gewicht und die Größe wurde ermittelt, wir machten Fußabdrücke und zogen ihm seinen gelben Strampler an, den wir als Heimgehoutfit ausgewählt hatten. Die Hebamme machte viele schöne Fotos. Auch die Chefhebamme kam, begrüßte unseren kleinen Matthis und sagte „Hallo, herzlich willkommen!“ zu ihm und gratulierte mir zur Geburt (eine wirkliche Traumgeburt mit traumatischem Ausgang) – kaum jemand danach hat das getan und so ist mir genau diese kleine Geste heute unheimlich wichtig. Als Sternenmama wird man oft nicht als Mutter anerkannt, man hat ja kein Kind was man umsorgt, sondern im Zweifel nur das Grab. Irgendwann kam ein Arzt zur ersten Leichenbeschau, der Bestatter aus unserem Wohnort besprach mit uns erste Dinge.

Wir hatten natürlich vorher keine Zeit gehabt uns vorzubereiten, wir wussten ja nicht das er bereits verstorben war bevor er geboren wurde. Trotz allem traf mein Bauchgefühl viele wichtige und richtige Entscheidungen.

Gegen Abend wurde Matthis vom Bestatter abgeholt, meine Dammnaht wurde noch genäht und wir durften nach Hause. Bisher hatte ich nur sehr wenig geweint und die Situation einfach hingenommen. Als wir daheim ins Wohnzimmer kamen, wo ich noch wenige Stunden zuvor unserer Katze angekündigt hatte, dass wir abends zu dritt zurückkommen würden, brach ich schließlich in Tränen aus.

Die folgenden Tage konnte ich mich aufgrund der Dammnaht kaum bewegen, auch sitzen ging nicht. So empfing ich unser Pfarrerehepaar und meine Eltern halb liegend auf dem Sofa. Mein Mann erzählte immer und immer wieder von der wirklich tollen Geburt während ich einfach schwieg.
Ich bestand darauf, dass nach der angeordneten Obduktion mein Kind noch „nach Hause“ kommen darf, das war mir wichtig denn das Gefühl fehlte mir einfach. Zum Glück hat man bei uns in Hessen ein Recht darauf. Es war jedoch nicht einfach, denn die Rechtsmedizin ließ sich Zeit, da ja keine „Gefahr im Verzug“ war und andere Fälle wohl wichtiger waren. Endlich, eine ganze Woche später, an einem Freitag, hielt mittags um 12 ein weißes Auto vor unserem Haus und der Bestatter brachte uns Matthis nach Hause.

Es muss auf Schreiner und Bestatter, die gemeinsam kamen, völlig irrational gewirkt haben, dass ich als Mutter, die gerade ihren Sohn verloren hat, strahlend vor Glück die Tür öffnete als sie mit dem kleinen weißen Sarg kamen, aber ich war bei all der Trauer in diesem Moment so glücklich.

Der Sarg wurde ins Kinderzimmer gebracht und ins Bettchen gestellt, dann ließ man uns mit Matthis allein. Draußen prasselte der Regen ans Fenster, als wir ganz leise im Kinderzimmer beieinander saßen und einfach nur die Momente genossen, als Familie zusammen zu sein. Später öffneten wir – es war ein Rat des Bestatters, der Matthis auch angezogen hatte – den Sarg noch einmal. Wir machten erneut viele, sehr viele schöne Fotos. Matthis, Matthis Hand, Portrait, ein Foto mit der Katze, seine Hand auf unserer Hand. Viele Erinnerungen, die reichen müssen für ein ganzes Leben. Zwischenzeitlich hatte es aufgehört zu regnen, ein schöner Tag. Nachmittags kamen die Großeltern, die vor Ort wohnten, später auch die Pfarrerin.

Matthis in seinem Bettchen

Matthis wurde in seinem Zimmer hier bei uns zuhause ausgesegnet. Gerade als wir beginnen wollten; begann es wieder zu regnen. Seither verbinde ich Regengeprassel immer mit Matthis. Es war ein sehr intimer Moment, sehr bewegend. Anschließend wurde mein kleiner Junge abgeholt und wir mussten uns nun endgültig von ihm verabschieden. Gemeinsam mit meinem Mann stand ich auf der Terrasse und wir hörten die Glocken der Kirche, die extra für Matthis läuteten auf seiner letzten Reise. Am nächsten Tag war die Beerdigung, die dann den Abschluss bildete und gleichzeitig einen Anfang – der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Das Leben ohne Matthis und doch mit ihm, Grabdekoration statt Spielzeug, täglicher Spaziergang zum Friedhof statt Alltag mit Baby.

Mittlerweile besteht unser Alltag auf wundersame Weise aus täglichen Spaziergängen zu Matthis mit unserem Folgewunder. Matthis hat uns tatsächlich recht schnell ein Schwesterchen geschickt und dieses Mal ging alles gut und wir dürfen das Leben mit unserer Tochter genießen. Dennoch ist Matthis immer Teil unseres Alltags.

Noch immer brennt ununterbrochen eine Kerze für ihn bei uns im Schlafzimmer. Wir reden über ihn und denken täglich an ihn. Er ist Teil unseres Lebens, er gehört für immer zu unserer Familie. Doch es ist auch nochmal schwerer geworden, denn jetzt merken wir erst richtig was wir bei Matthis alles verpassen und nicht erleben werden. Doch unsere Tochter hat uns ein bisschen mit dem Schicksal versöhnt.

Wir Danken der Autorin Martina für diesen unfassbar bewegenden, ehrlichen Beitrag und wünschen ihr und ihrer kleinen Familie nur das Beste. Wer Ihr folgen möchte, findet sie entweder auf Instagram unter @ladyaramis oder auf ihrem Blog

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