#schwangerschaft #sternenkinder

Sternenkind Paul

7. Juni 2017

Es sollte eigentlich eine normale Kontrolle der 32. Schwangerschaftswoche beim Frauenarzt sein.

Nichts außergewöhnliches, da wir zuvor schon leichte Wehen hatten. Das CTG war ziemlich ruhig im Vergleich zu denen davor. Als dann doch eine Wehe kam, sanken die Herztöne rapide ab. Dabei hab ich mir noch nichts gedacht.

Nach ca. 40 Minuten wurde ich abgestöpselt und wartete auf die Frauenärztin. Sie guckte es sich an und sagte “Ich mach dann die Einweisung fertig, das sollen die sich im Krankenhaus mal ansehen. Es kann einmalig gewesen sein, dann ist alles ok, ansonsten müssen sie dableiben.”  Ich rief direkt meinem Mann an und sagte ihm was der Termin ergeben hatte. Gegen 16:30 sind wir dann losgefahren nach Datteln. Bis dahin haben wir auch an nichts Schlimmes gedacht.

Nach der Anmeldung wurde direkt ein CTG geschrieben. Es war perfekt. Eine leichte Wehe, super Herztöne.

Innerlich war ich total erleichtert. Wer will auch schon freiwillig im Krankenhaus bleiben?! Man sagte uns wir müssten auf die Assistentsärztin warten, die noch ein Ultraschall machen sollte. Jaja warten… wer liebt es nicht? Um ca 18:30 Uhr wurde ein kurzer Ultraschall gemacht. Gel drauf, Kopf gesucht, gemessen, Bild ausgedruckt, den Raum verlassen. Mein Mann befand sich zu dem Zeitpunkt im Wartezimmer, weil es ja nicht lange dauern sollte. So lag ich da, etwas verdutzt und noch nichts ahnend. Ein paar Minuten später kam die Assistenzärztin wieder rein, setzte den Ultraschall fort und teilte mir mit, dass der kleine Mann bestens entwickelt und alles der Schwangerschaftswoche entsprechend sei. Erleichterung machte sich breit.

Dann der Satz: “Setzen Sie sich bitte noch kurz ins Wartezimmer zu ihrem Mann, der Oberarzt schaut gleich nochmal mit drauf. Ich hab da Unauffälligkeiten im Kopf gefunden, möchte das nur abklären”.

Gesagt. Getan. Doch wir waren immer noch “ruhig”. Nach kurzer Wartezeit wurden wir in einen anderen Untersuchungsraum geführt. Auf dem Weg dahin schauten wir uns fragend an… Warum ein anderer Raum? Ich legte mich auf die Liege, machte den Bauch frei und der Ultraschall begann von vorne. Die ersten 15 Minuten waren komisch.

Die beiden Ärzte (Assistentsärztin und Oberarzt) tauschten andauernd Blicke aus, redeten was in Ihrer Fachsprache…

Wir konnten den Ultraschall auf einem großen TV mitverfolgen und dann sagte der Oberarzt: “Die Auffälligkeiten, die meine Kollegin gesehen hat, sehe ich auch. Es ist nur die Frage was es ist.” Okay… Luft holen! Der Oberarzt machte unzählige Aufnahmen, kontrollierte alles andere vom Kind und ging schließlich wieder zum Kopf. Die Werte und Versorgung vom Kleinen waren optimal.

Mein Mann saß neben mir und hielt meine Hand, doch wir beide wussten noch nicht, wie schlimm es sein würde.

Irgendwann fragte mein Mann “Was könnte es denn sein?” und man merkte der Arzt wollte vorsichtig in seiner Aussage sein und erklärte uns schließlich, dass auf dem Bild ein “Schwarzes Loch” zu sehen sei (und ja, wir als Laien konnten es tatsächlich auch sehen). Er erklärte dieses lasse auf eine Hirnblutung oder einen Tumor deuten, was es genau ist, könne man jetzt leider jedoch nicht sagen, weil das Baby ungünstig liege und ein Ultraschall durch so viele Decken müsse. Er wollte sich deshalb in seiner Aussage nicht festlegen und wollte dass Chefarzt, Kinderarzt und Neurolge das Ganze noch einmal anschauen.

Ich war bereits gefangen in einem Tunnel voller Gedanken und Emotionen. Zum Glück war mein Mann zu dem Zeitpunkt noch relativ gefasst. Er fragte, welche Auswirkungen es haben könnte und ob Behandlung etc gäbe. Der Arzt wollte dazu nichts genaues sagen, solange es nicht zu 100% feststeht (auch verständlich).

Was dann folgte, sind Fetzen, die ich aufgeschnappt habe. Er hat sich den Bericht von der Feindiagnostik kopiert, meinen Frauenarzt notiert, und meinte er leite alles in die Wege. Ich solle mich morgen früh melden,  im Sekretariat, dann erhalte ich zeitnah einen Termin.

Wir standen sprachlos im Raum und nahmen uns in den Arm, eine kleine Träne kullerte… Zum Glück hatten wir direkt für Montagmorgen 8 Uhr einen Termin bekommen, denn das Wochenende war eine Talfahrt der Gefühle.

Montagmorgen sind wir um 7:45 Uhr angekommen – ab zur Anmeldung. Nervosität? Sowas von. Wir wurden aufgerufen, aber erstmal ins nächste Wartezimmer. Wir schwiegen, keiner wusste was er sagen sollte. Endlich, wir können rein. (Am liebsten wäre ich geflüchtet). Wieder auf der Liege – der Ultraschall begann. Man hörte die ganze Zeit nur “super entwickelt, super Versorgung, super Werte”. Ja dann kann das doch nicht so schlimm sein? Doch wir sollten eines Besseren belehrt werden. Der Chefarzt stand auf, nahm sein Telefon und bat den Kinderarzt rüberzukommen. 2 Minuten später war der Kinderarzt da und guckte erneut mit. Beide unterhielten sich kurz und waren sich einig: “Wir haben die Bilder von unserem Kollegen zwar schon gesehen, aber es hat sich nichts an dem Befund geändert. Es ist eine Hirnspaltung im Großhirn zu sehen … “

In dem Moment war ich verstummt, mein Mann fragte noch was. Wir sollten uns mal vorne hinsetzen und das ganze dann besprechen. Da saßen wir nun. Im Stuhlkreis. Mein Blick ging durch die Ärzt hindurch und mein Kopf wartete auf erlösende Worte. Doch diese fielen nicht.

“Der Befund ist eindeutig. Diese Art von Spaltung ist sehr, sehr selten und wird in den wenigsten Fällen vorher entdeckt. Viele Paare erfahren das erst bei der Geburt. Die Frage ist nur, ob das Kind mit dieser Art von Behinderung (welche kann man nicht genau sagen), außerhalb des Bauches lebensfähig ist oder nicht. Man kann in einer Spezialklinik einen weiteren Ultraschall machen und ein MRT und Tests, um es festzustellen”

Das war der Moment, wo die Emotionen aus mir rauskamen. Mir kullerten die Tränen. Ich wollte einfach nur noch raus.

Die Sekretärin hatte sich direkt um einen Termin in der Uniklinik Bonn gekümmert. Veranschlagt war: “Morgen 10 Uhr”. 3 Std Autofahrt und ein Funken Hoffnung. Im Wartezimmer kam man sich komisch vor. Alle waren so euphorisch und wir saßen wie bedröppelt da. Nach knapp 1 1/2 Std wurden wir zum Ultraschall aufgerufen. Unser Puls war hoch. Kurze Worte mit der Fachärztin wurden gewechselt, dann begann der Ultraschall.

Mein Mann nahm meine Hand und wir starrten auf den Bildschirm, immer mit einem Funken Hoffnung in den Augen.

Als sie fertig war, hat sie die Daten im PC übertragen und den Oberarzt angefordert. Der kam auch zum Glück sehr schnell. Er schallte ebenfalls und seine ersten Worte waren “Oh scheiße”. Er guckte uns an. Wir wussten sofort, dass der Befund unverändert war. Nur dann kam die erneute Breitseite. Der Befund wurde bestätigt und verschlechtert. Die betroffene Fläche vom Großhirn war wesentlich größer, wie zuerst vermutet.

Unser Atem stockte. Ich guckte nur noch an die Decke. Der Arzt wollte vaginal schallen. Ich erließ auch diese Prozedur über mich ergehen. Es war schrecklich. Es tat weh und ich war total angespannt. Was er sagte? Ehrlich gesagt, keine Ahnung, es fielen ohnehin nur negative Sachen.

“Hier ist was betroffen, der Steg fehlt…” Und so weiter. Unangenehm und schmerzhaft war der Ultraschall, aber falls doch noch Hoffnung bestehen würde, nahm man es gerne in Kauf. Danach folgten Gespräche mit Kinderarzt, Neurologen, Seelsorge und zum Schluss um 15:30 Uhr folgte ein MRT. Für Letzteres bekam ich eine Art Platte auf den Bauch, den Notknopf in die Hand, Kopfhörer auf und dann gings langsam rein.

Alle waren fürsorglich, aber als ich drin war, ging nichts mehr. Die Tränen kullerten, mir war schlecht.. ich wollte nur noch raus. Nach 15 Minuten beruhigen, probierte ich es erneut. Im Kopf war nur “Mach es für Paul, du schaffst das. Wir kämpfen weiter.”

Während des MRT war er sehr aktiv, spürte er meine Unruhe? Die Tränen kullerten ununterbrochen. Aber: Wir haben es geschafft. Unmittelbar danach versagte mein Kreislauf, kein Wunder nach diesem Tag. Ab jetzt hieß es bis Montag warten, da war die Besprechung angesetzt, und je nachdem wie das MRT ausfiel, stand eine frühere Einleitung im Raum.

Endlich Montag.  Da das Thema Einleitung ja besprochen werden und es gegebenenfalls schnell gemacht werden sollte, wurden wir angewiesen vorsichtshalber Gepäck mitzunehmen.

Gegen 11 Uhr waren wir da.Und erstmal hieß es warten. Zwischenzeitlich wurde uns beiden Blut abgenommen, für einen Gentest zur Erforschung solcher seltenen, unerforschten Fehlbildungen, dem wir vorher zugestimmt hatten.

Gegen 15:30 konnten wir zum Gespräch mit der Chefärztin. Der vorläufige Befund ergab leider nichts positives. Eine 2. Hirnspaltung wurde festgestellt.

Ein Schlag ins Gesicht. Jegliche Hoffnung verschwand. Was dann geschah riss uns komplett den Boden unter den Füßen weg. Es sollte nochmal ein Ultraschall und danach CTG gemacht werden, um zu schauen, ob Paul bereit für eine Einleitung sei.

Was der Bildschirm dann anzeigte: War einfach nur erschreckend. Als Laie erkennt man ja nicht alles, aber schon etwas. Und wir sahen: Das Herz bewegte sich nicht. Mein Mann und ich schauten uns skeptisch an. “Hatte sich der Monitor eventuell nur aufgehangen?”

Dann folgte der Satz der Ärztin. Was sie genau sagte, kann ich nicht wiedergeben, doch es war uns klar. Er, wir haben den Kampf verloren. Ich schaute nur noch zur Decke und zerquetschte meinem Mann die Hand. Ich wollte aufwachen aus diesem Traum.

Es fühlte sich furchtbar an. Ich hatte ihn doch gestern noch gespürt? (Er war immer etwas ruhiger, darum hatte ich mir da keinen Kopf gemacht) Wir hatten ein paar Minuten für uns. Die Ärztin bereitete die Aufnahme für uns beide vor und ich bekam ein Medikament, das dem Körper schneller realisieren sollte,  dass die Schwangerschaft vorbei sei.

Schwangerschaft. Vorbei… Das in diesem Moment zu realisieren war unmöglich. Genauso wie, dass er in meinem Bauch war, aber tot.

Tot. Wir riefen unseren Babysitter (meine Oma an) und baten darum ein paar Tage auf Finn aufzupassen… Sie konnte es genauso wenig realisieren wie wir. Die Nacht konnten wir nicht schlafen. Um 3 Uhr morgens sind wir noch spazieren gegangen. Danach haben wir ein bisschen gedöst. 
Am Folgetag sollte ab 22 Uhr eingeleitet werden. Nach Bitten, mehrfachem Bitten und Betteln eher anzufangen oder einen Kaiserschnitt zu bekommen, wurde uns durch die Blume mitgeteilt, dass kein Kreißsaal frei sei und 22 Uhr als Uhrzeit daher bleiben würde.
Es war der Horror. Ich soll den ganzen Tag mit einem toten Baby im Bauch umherlaufen? 
Meine Laune war extrem schlecht und ich war extrem gereizt. Dieses Gefühl kann man nicht beschreiben. In dem Moment wollte ich ihn einfach nur raus aus mir haben.
 
Endlich 22 Uhr. Es gab eine halbe Tablette. In dem Moment hätte ich auch direkt 3 ganze genommen. 
Ich legte mich schlafen. Bis auf einen hin und wieder harten Bauch, den ich aber schon öfters hatte, tat sich bis dato ja ohnehin nichts. Um 23:30 musste ich aufs Klo, was mich aufregte. Um 2 Uhr sollte es die 2. Dosis geben.
Beim hinlegen merkte ich, wie es nass wurde. “Ich war doch gerade auf dem Klo?” Zu meinem Mann meinte ich nur, dass ich glaube Fruchtwasser zu verlieren.
Er sprang direkt auf. Es war ein Gefühl zwischen Freude und Angst. Die Hebamme bestätigte, dass es sich um Fruchtwasser handelte. Schmerzhafte Wehen waren nicht vorhanden. Also hieß es: weiter schlafen. 10 Minuten später ging es dann los. Ich bekam direkt einen Buscopan-Tropf. Wehen so alle 5-8 Minuten. Die Hebamme holte noch etwas und dann waren wir schon bei allen 2 Minuten. MuMu 1 cm. Es ging in den Kreißsaal.
Der Tropf wurde wieder angehangen und es wurde vereinbart, dass es gegen 1:30 Uhr die PDA gäbe. Sofern ich es bis dahin aushalte, ansonsten eher. Um 1:10 Uhr klingelte mein Mann. Ich konnte nicht mehr. Es wurde alles vorbereitet, die Hebamme ging kurz raus.
Die Wehe, die dann kam war echt schmerzhaft, so schmerzhaft, dass ich mich nur noch wälzte und aufstehen wollte. Sie ging, paar Sekunden später kam jedoch wieder eine. Diesmal mit einem komischen Pressgefühl. Ich presste.
Da lag er dann da. 1:28 Uhr. Regungslos. Kein Schrei. Mein Mann und ich fingen  direkt an zu weinen. Sie behandelten unseren Paul wie ein lebendes Baby.
Wir bekamen ihn schnell in den Arm gelegt. Ein Gefühl, das man nicht in Worte fassen kann. Wir hatten es zwar hinter uns, doch realisierten immer noch nicht, dass Paul niemals bei uns sein wird. Dass er nicht mit nach Hause kommen wird.
Die Stunden mit ihm waren traumhaft. Wir konnten ihn solange bei uns behalten wie wir wollten und er sah so perfekt aus. So wie sein großer Bruder. Unser kleiner Kämpfer Paul.
 
 

 
Dieser Tag heute gehört Paul – nicht nur auf unserer Seite – auch fernab der digitalen Welt, denn heute wird Paul beigesetzt. Leider liegt die Beerdigung, die sich Jessica und ihre Familie für ihren Sohn wünschen außerhalb ihres finanziellen Budgets. Darum hat Jessica eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Falls ihr euch an ihrer Spendenaktion beteiligen wollt, könnt ihr das hier tun.
 
Im Namen von Jessica und ihrer Familie sagen wir schon einmal: Danke
 

You Might Also Like

1 Comment

  • Reply Sternenkinder - Wenn uns die Kleinsten viel zu früh verlassen... - hellolittlepanda 22. Juni 2017 at 8:40

    […] Milfcafé: Sternenkind Paul – Es sollte eigentlich eine normale Kontrolle der 32. Schwangersc… […]

  • Leave a Reply