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Sternenkind Pauline

21. September 2017

Pauline war und ist unser Wunschkind.

So sehr gewünscht und „erst“ im 6. ÜZ empfangen. Die Schwangerschaft – meine erste – war toll. Ich war unheimlich gerne schwanger, nahm Übelkeit und Müdigkeit so gern in Kauf. Aufgrund einer medikamentösen Vorbelastung wollte mein Mann unbedingt einen Praena-Test machen lassen. Diesen Wunsch wollte ich ihm erfüllen und weil mein Frauenarzt davon nichts hielt, rief ich eigenständig einen Pränataldiagnostiker an. Der riet uns, erst einmal zum ETS (Ersttrimesterscreening) zu kommen.

Gesagt, getan. Am Donnerstag, den 3. November 2016, in der 13+2 Schwangerschaftswoche, standen wir um 8 Uhr in seiner Praxis. Wir waren aufgeregt, dachten aber wir würden mit positiven Neuigkeiten nach Hause gehen und damit eine relative Sicherheit gewonnen haben. Ich legte mich auf die Liege und zum ersten Mal in der Schwangerschaft schallte der Arzt über den Bauch. Mein Mann und ich waren so fasziniert von den scharfen und deutlichen Bildern unseres Babys, dass es uns erst nicht verwunderte, dass der Arzt nichts sagte. Irgendwann fragte ich also: „Ist das der Kopf des Babys?“ Kurzes Schweigen. „Ja, das ist der Kopf“

Und dann ging es los.

Ich weiß noch, dass er zuerst auf die „Wasseransammlung im Bereich des Kleinhirns“ (das war genau seine Wortwahl) aufmerksam machte. Es war wie ein Schlag vor den Kopf. Okay, dachte ich, das ist nicht schlimm, das schaffen wir! Aber es ging weiter: Nackenfalte zu dick, irgendwelche Auffälligkeiten am Herzen, die Hände sehen komisch aus, Nasenbein nicht klar darstellbar… In dem Moment wusste ich, dass das den Abschied von unserem Baby bedeutete. Ich lag auf dieser Liege und wollte weg! Ich wollte aufspringen und weglaufen. Ich kam mir so eingeengt vor. Und ich wollte, dass er aufhört schreckliche Dinge über UNSER Baby zu sagen! Ich bin mir sicher, hätte er noch länger gebraucht, hätte ich ihn gebeten aufzuhören.

Wir vereinbarten gleich für den nächsten Tag eine Chorionzottenbiopsie. Dann kam das Wochenende des Grauens. Wir waren uns so sicher, dass es ein Abschied von unserem Baby bedeutet. Wir hatten Angst vor einer Einleitung, wollten schnell entscheiden, um darum herum zu kommen.

Dann am Montagabend der Anruf: Der Schnelltest ist negativ! Trisomie 13,18 und 21 somit ausgeschlossen. Hoffnung kam auf!!

Unser Mädchen – ja, auch das wussten wir jetzt – könnte es schaffen!

Nun war nicht mehr die Rede von schneller Entscheidung. Wir wollten ein ganz genaues Ergebnis, eine sichere Grundlage für eine Entscheidung. Doch die Entscheidung zog sich. Die angelegte Kultur wuchs nicht gut und die übliche Wartezeit von 10-14 Tagen wurde überschritten. Wir besuchten also noch einmal unseren Pränataldiagnostiker und ließen einen Schall machen, in der Hoffnung, dass sich die Auffälligkeiten gebessert hatten. Dies war leider nicht der Fall. Es war, wenn das überhaupt möglich ist, noch schlechter geworden! Wir waren mal wieder fertig mit der Welt als wir die Praxis verließen. Trotzdem war da diese winzige Stimme der Hoffnung, die einfach nicht verstummen wollte. Mein Baby!

Am 05. Dezember 2016 dann die Gewissheit: Tetrasomie 9 – das neunte Chromosom war bei unserer Tochter viermal vorhanden. Eine Diagnose, bei der die meisten Schwangerschaften innerhalb der ersten 12 Wochen von allein endeten. Meine Tochter war eine Kämpferin! Ein erneuter Schall offenbarte auch, dass Pauline langsam unterversorgt wurde. Alles, was nicht lebenswichtig war, wurde nicht mehr ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt, um Gehirn und Herz ausreichend versorgen zu können. Bauch, Arme, Beine, alles war zu klein. Aber endlich stand die Diagnose.

Diese fünf Wochen Wartezeit waren zermürbend gewesen. Ein Schwanken zwischen Hoffen und enttäuschter Hoffnung. Ich, die so gerne schwanger war, versteckte nun meinen (sehr kleinen) Schwangerschaftsbauch. Ich wollte nicht darauf angesprochen werden. Diese ganzen „Oh wie schön! Wann ist es denn soweit?“ wollte ich nicht entkräften und widerlegen müssen.

Ich versteckte den Bauch und das macht mir noch heute zu schaffen.

Am 9. Dezember kamen wir zur Einleitung ins Krankenhaus. Mein Mann durfte mit – wir bekamen ein Zimmer ganz für uns. Ich bekam Tabletten direkt an den Muttermund. Diese lösten sehr schnell Unterleibsziehen aus, aber mehr nicht. Sonntagabend, den 11. Dezember 2016, wir befürchteten schon, dass wir noch länger bleiben müssen, kam unsere kleine Maus dann plötzlich sehr schnell bei uns auf dem Zimmer zur Welt. Zu diesem Zeitpunkt war ich in der 18+5 Schwangerschaftswoche.

Ein Blick in das Gesicht meiner Tochter – und alle Angst war wie weggeblasen.

In den Moment wusste ich, wir würden alles schaffen. Für mich existierte nur noch die Liebe. Ich war so glücklich! Wir hielten sie im Arm und konnten uns kaum satt sehen. Unsere Tochter, unsere Pauline!

Ich musste zur Ausschabung und in der Zeit kam die schon vorher kontaktierte Fotografin von “Mein Sternenkind”. Ich finde es bis heute schade, dass ich nicht dabei war, aber umso erstaunlicher ist es, dass die Bilder genauso geworden sind, wie ich es mir erhofft habe! Zurück auf dem Zimmer durften wir die ganze Nacht mit Pauline verbringen. Erst Montagmittag wurde ich entlassen. Und das war das schlimmste Erlebnis der gesamten Geburt: Pauline im Krankenhaus lassen. Sie zurücklassen und nicht mit nach Hause nehmen zu können.

Das zerbrach mein Herz. Da weinte ich zum ersten Mal.

Ich bin rückblickend dankbar, dass wir so viel Zeit hatten. Zum Nachdenken, zum Abschiednehmen, zum Vorbereiten. Ich ging vorbereitet in die Geburt, hatte ein paar Hypnobirthing-Übungen gemacht, Heublumenbäder gemacht und einen besonderen Tee getrunken. Ich hatte mich darum gekümmert, dass Pauline etwas zum Anziehen hat. Ich hatte ihr eine Decke gestrickt. Meine Mama und meine Schwester hatten ihr Tommy, einen riesigen Bären, besorgt. Ich hatte mich um eine Fotografin bemüht. Ich war vorbereitet und konnte so Abschied nehmen. Nun liegt unsere Tochter Pauline an einem Sternenkinderbaum auf einem Waldfriedhof. Da ist ihr Platz auf Erden.

Für uns ist sie immer da – in unserem Herzen.

 

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