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Sternenkind Raphael

28. Juni 2018

Ich heiße Stefanie und bin 39 Jahre alt, ich bin Mama von drei wundervollen Kindern im heutigen Alter zwischen fast 3 und 7 Jahren. Ich bin Ehefrau, Stiefmama, Sternenmama und zudem auch Mama eines autistischen Jungen.

Ich bin eine Frau mit einer dicken Biografie und oft weiß ich nicht, wie ich das alles überhaupt überstehen und durchstehen konnte.

Ich wollte niemals und will auch kein Mitleid, das wollen die wenigsten. Aber man möchte vielleicht öfters einfach nur verstanden werden, wie es in einem drinnen aussieht, wenn man von jetzt auf gleich Tränen in den Augen oder einen dicken Kloß im Hals hat.Verstanden und nicht verurteilt werden wie es innerlich aufwühlt, wenn mal wieder eine Situation aufkommt, die einen in den traurigsten und schwersten Moment im Leben zurück katapultiert und der bittere Geschmack der Realität einen einholt. Von jetzt auf gleich nur durch einen blöden Initialreiz. Eine Welt brach zusammen, denn ich hatte schon sehr früh den innigen Wunsch, irgendwann eine Familie zu gründen.

Anfang 2008 mit 29 Jahren traf ich diesen einen Mann – Stefan, mit dem ich mir ein solches Leben vorstellen konnte. Die Beziehung war allerdings nie einfach. Von jetzt auf gleich war ich Mama (s)eines süßen, gerade 5-jährigen kleinen Jungen namens Raphael.

Ich liebte ihn sofort wie mein eigenes Kind und erzog ihn mit den Werten aus meinem eigenen (sehr harmonischen und liebevollen) Elternhaus. Seine echte Mama – Martina “wohnte schon im Himmel”und der kleine Mann fragte mich eines Tages ca. 6 Monate später, ob ich nicht seine Mama “hier unten” sein könne. Mein Herz machte Luftsprünge und wir holten von Stefan die Erlaubnis ein, dass er mich nun offiziell Mama rufen durfte. Bisher war ich für Raphael nur “Mausi” oder Steffi gewesen.

Ich war stolz und absolut aufgegangen als Mama – zudem ich ja wusste, dass ich keine eigenen Kinder bekommen kann/ sollte.

Der Wunsch nach einem Geschwisterchen für Raphael ließ mich jedoch nie los und trotz alledem, wollte ich das Risiko ein eigenes Kind zu bekommen dennoch eingehen. Ich erlebte 7 Fehlgeburten neben den Geburten meiner drei gesunden Kinder. Diese Geschichte lasse ich jedoch aus. Meine drei eigenen Kinder Vincent (02/2011), Joséphine (06/2012) und Mathis (07/2015) sind meine persönlichen Geschenke des Himmels und ich bin dankbar, dass ich diese gesunden Kinder bekommen durfte!

Die Beziehung mit Stefan wurde immer schwieriger. Er lebte weit über seine Verhältnisse raus.

Als ich mich trennte, nahm ich Vincent (damals 5 Monate) und was ich in die Koffer bekam, reiste von Bayern nach NRW zu meinen Eltern und flüchtete wie in einem schlechten Krimi Mitte 2011 vor diesem Mann! Ich hatte Angst! Angst vor ihm, Angst um die beiden Kinder Raphael und Vincent und auch etwas um mich.

Da ich nicht die leibliche Mutter von meinem Großen war, musste ich ihn zurücklassen – man kann sich schwer vorstellen, wie es einem dabei geht!

Ich habe versucht es in Worte zu fassen, aber es würde niemals das wahre Gefühl erklären, mit welchem ich ins Auto stieg. Ich hätte nie gedacht, dass das der letzte Moment sei,  an dem ich ihn sehen würde. Ich sagte in den darauffolgenden Tagen zum zuständigen Jugendamt, dass ich mir wirklich ernste Sorgen mache und sehr starke Bedenken habe, wenn Raphael bei seinem Vater zurückbliebe. Ich äußerte die Befürchtung, dass er in der Schule nicht mehr mitkomme, dass seine Kleidung verwahrlost, dass er keine geregelten Mahlzeiten bekomme und einige möglichen Situationen mehr.

All meine Bedenken um Raphaels Wohl äußerte ich mehrfach. Doch ich bekam nur immer den Satz „Das ist nicht mehr Ihre Baustelle Frau L.! Raphael ist nun mal nicht Ihr Sohn. Sie sind befangen und handeln aus Trotz und verletztem Stolz!“

Dieser Satz brannte sich sofort in mein Herz, er holt mich immer und immer wieder ein! Diese Frau hat Raphael auf dem Gewissen – so und nicht anders fühlt es sich jedes Mal für mich an!

Es ergab sich gleich nach der Trennung der Streit um das Sorgerecht von Vincent. Wir hatten es beide und Stefan versuchte mit allen Mitteln, mir Vincent wegzunehmen! Er äußerte Vorwürfe wie Alkoholsucht/ Drogensucht, Drogenverkauf, Prostitution, ständig wechselnde Partner, Kindesmisshandlung und -verwahrlosung, häusliche Gewalt (nachdem ich meinen jetzigen Ehemann kennenlernte und er bei mir einzog) nur um mir Vincent zu nehmen.

Es folgten 2 lange Jahre nur die Hölle auf Erden, mehrere Gerichtstermine, Kindesentführungen seinerseits und Umgangsrecht mit heftigen Bauchschmerzen, in denen ich Vincent stundenweise seinem Erzeuger ausliefern musste, Raphael selbst aber niemals sehen oder mit ihm sprechen durfte.

Ich erfuhr von Dritten, dass Raphael für einige Wochen in einem Heim untergebracht wurde und es brach mir das Herz.

Ich schlief nicht gut, hatte ständig Angst, dass Stefan mir wieder etwas vorwarf, mir Leute aufhetzte oder auch, dass er sich selber irgendwo auf die Lauer legte, um mir Vincent zu nehmen. Ich lebte fortan isoliert, knüpfte keine Kontakte zur realen Außenwelt, ging wenig vor die Tür und war nur noch online – anonym und sicher vor der Welt da draußen!

Nach zwei Jahren Kampf und Psychoterror bekam ich das alleinige Sorgerecht für unseren Sohn Vincent zugesprochen. Ich war erleichtert und konnte mich nun ausruhen von den ständigen Strapazen des langwierigen Streits um Vincent. Vincent gehörte nun zu mir und das war unumkehrbar. Leider nicht Raphael – ihn durfte ich weiterhin nie sehen oder sprechen und die Sehnsucht nach meinem Großen wuchs von Tag zu Tag.

Mittlerweile wusste ich von Dritten, dass Stefan auch das Sorgerecht von Raphael verloren hatte – das war im Januar 2014 ungefähr und es hieß dann vom örtlichen Jugendamt, dass Gefahr in Verzug sei. Doch das zuständige Jugendamt kam seiner Aufgabe nicht nach.

Raphael hätte eigentlich zu einer Pflegefamilie geholt werden sollen (ich stand ganz oben auf der Liste der möglichen Familien) aber nichts passierte.

Ich lebte weiter sehr schüchtern und zurückgezogen in meinem Alltag, war inzwischen Ehefrau und stolze Mama von einem weiteren gesunden Kind – unserer Tochter Joséphine – und ging  meinem Beruf als Pflegefachkraft auf.

Eines Abends kam ich vom Spätdienst gegen 20:30 heim und mein Mann saß still und leise im dunklen Wohnzimmer, der Fernseher war aus. Er schien auf mich gewartet zu haben.

Ich bemerkte die gedrückte Stimmung, die in der Luft hing.

Er kam mir gleich entgegen, nahm mich sofort in den Arm, gab mir einen Kuss auf die Stirn und sagte, ich solle mich setzen! Meine Gedanken fuhren Achterbahn, ich fragte sofort, ob was mit meinen Eltern oder den Kindern sei, doch er erklärte, dass es allen gut gehe. Aber was danach durch den Raum hallte, war surreal, wie in Watte und irgendwie weit weg. Ich hatte das Gefühl, Teil einer Filmszene zu sein und hörte die Worte, die ich wohl niemals vergessen werden kann.

„Man hat Stefan mit Raphael tot in der Wohnung aufgefunden – Selbstmord!“

Ich brach zusammen, weinte, schrie, schlug vor lauter Hilflosigkeit auf Sven ein und verlor mich völlig. Ich war wie gelähmt, ohnmächtig und sank zu Boden – mitten in unserem Wohnzimmer. So erzählte er es mir einige Monate später. Eine kleine Ewigkeit nach meinem Zusammenbruch im Wohnzimmer erklärte er mir, woher er die Informationen hatte. Stefans Schwiegervater Heiner, der Vater von Raphaels leiblicher Mutter Martina, rief hier bei uns an und erzählte es unter Tränen. Er kämpfte bereits seit 5 Jahren um das Umgangsrecht zu Raphael und äußerte beim Jugendamt auch den Wunsch, dass wir als Pflegefamilie in Frage kommen sollten, da er gesundheitlich nicht in der Lage sei ein Kind aufzunehmen.

Ab da an vergingen die Tage wie fremdgesteuert. Ich funktionierte und weinte und funktionierte und weinte…

Am darauf folgenden Tag hatte ich mit Vincent einen sehr wichtigen Termin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, denn er sollte erneut durch die Diagnostik – Verdacht auf Autismus Spektrum Störung. Ich funktionierte wie ein Roboter und fuhr in der Früh mit Vincent bis nach Augsburg. Übernächtigt und verheult meldete ich uns an und wartete auf die Therapeutin, die uns ins Behandlungszimmer holte. Als sie fragte, wie es mir gehe und ob ich nicht gut geschlafen hätte, brachen wieder alle Dämme und ich weinte erneut. Die Situation war unangenehm und doch angenehm.

Man holte sofort Hilfe, brachte Vincent zu einer Therapeutin in ein Spielzimmer, holte aus einer anderen Station eine Ärztin für mich und gab mir etwas zur Beruhigung. Da konnte ich das erste Mal über das reden, was passiert war.

Drei Wochen später, am 2. Geburtstag meiner Tochter, war die Beisetzung von meinem Großen. Sein Opa veranlasste das Datum, obwohl er wusste, dass ich an dem Tag auf keinen Fall teilnehmen konnte – für mich war sofort klar, dass das Leben wichtiger sei und nicht der Tod! Ich konnte meiner Tochter nicht den Geburtstag nehmen und richtete ihn aus. Was ich erst einen Tag vorher erfuhr: ich war wieder schwanger! Gefühlschaos! Trauer und Glück lagen so nah bei einander! Nur Sven wusste von unserem positiven Schwangerschaftstest und freute sich mit mir – wenn auch ebenso in gedrückter Stimmung!

Am späten Abend als alle weg waren und die Kinder in ihren Betten schliefen, bekam ich heftige Schmerzen und Blutungen – ich verlor mein 7. Baby an diesem Abend.

Es folgten in dem Jahr noch 2 Nächte in der Psychiatrie, 9 Wochen Tagklinik und weitere ambulante Gesprächstermine bis heute. Noch immer nehme ich Medikamente und muss jeden Tag daran arbeiten, um nicht wieder in das tiefe Loch zu fallen.

Ich bin glücklich über all die Erfahrungen aus meinem Leben – mag es auch noch so schwer und fast nicht auszuhalten gewesen sein. Aber es machte mich zu dem Menschen, der ich heute bin! Und ich mag mich so, wie ich bin.

Selbstsicher und stolz kann ich sagen „Ich habe es geschafft, denn ich hatte Hilfe!“

Und ich habe diese Hilfe immer noch – jeden Tag! Ohne meinen Mann Sven und meine Kinder hätte ich es nie alleine geschafft, mein Lachen wieder zu finden. Ohne meine Kinder hätte ich längst aufgegeben! Ohne die kompetente psychologische Betreuung, hätte ich meinen Alltag nie geschafft und würde in meiner Trauer versinken! Doch ich lebe und ich genieße das Leben mit all den schönen Momenten, die es mir trotz meiner Verluste und Sorgen bescherte.

Und genau das wünsche jedem hier, der um einen geliebten Menschen trauert. Egal in welchem Alter dieser gehen musste, ob noch unter dem Herzen der Mutter oder als betagter Mensch – das macht für mich keinen Unterschied. Wichtig ist, dass man sich helfen lässt, die Trauer zu bearbeiten und sein Lachen wiederfinden kann.

Vielleicht schaffe ich es auch irgendwann, Raphaels Grab zu besuchen, um eine Blume hinzulegen. Vielleicht irgendwann…

 

Eure Steffi

PS: Einige Blogbeiträge über meine Geschichte(n) habe ich auch auf einem eigenen Blog veröffentlicht. Würde mich über einen Besuch und Kommentare sehr freuen. Schreiben befreit – das merke ich immer wieder! Danke!

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2 Comments

  • Reply Antje 29. Juni 2018 at 20:27

    Wow, ich musste weinen. Ich könnte jetzt einen roman dazu schreiben. Aber das wichtigste was ich dir sagen möchte: du bist eine Wahnsinnig starke Frau und Mama, du hast mein tiefes Mitgefühl. 😘
    Leb soo weiter mit deinem tollen Ehemann und deinen kids an deiner Seite 💕

  • Reply Benita 29. Juni 2018 at 21:49

    Liebe Steffi,
    vielen Dank für das Teilen deiner Gefühle!
    Fühl dich gedrückt und lass dir gesagt sein, du bist unendlich tapfer, auch oder gerade deswegen, weil du dir hast helfen lassen!
    Benita

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