#sternenkinder

Sternenkinder Evelyn und Eliana

27. April 2017

“Meistens ist das mangelnde Fruchtwasser ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt und man es besser nochmal probieren soll”. Ich war mit meiner ersten Tochter Evelyn in der 14. Woche schwanger, als dieser Satz fiel.

Wir erkannten nichts auf dem Ultraschall. Am nächsten morgen fuhren wir zur Pränataldiagnostik in die Uniklinik. 7 Stunden warteten wir. Meine schlimmste Befürchtung, nämlich dass unsere Tochter keine Nieren haben könnte, wurde nicht bestätigt. Sie hatte Nieren. Und trotz allem hatte sie kein Fruchtwasser. Es folgten Monate in denen man dachte, ich hätte einen vorzeitigen Blasensprung gehabt.

Alles bereiteten wir vor, aber Evelyn ging in der 27. SSW am 11.11.15 fort. Ich wollte sie nicht sehen. Wollte so tun, als hätte es dieses Kind nie gegeben. Und als ich mein Kind dann im Arm hielt, war sie das Schönste was ich je gesehen habe. Sie war so zerbrechlich und zart. Ich weiß nicht mehr, wie ich es schaffte mich von ihr zu verabschieden und sie zu beerdigen.

5 Monate später wurde ich wieder schwanger. Alle waren so voller Hoffnung, nur ich nicht. Als wir morgens im Bett lagen, sagte mein Freund: “Kannst du dir vorstellen, dass da bald ein kleines Baby zwischen uns liegt?” Und ich sagte ihm, dass er sich nicht zu früh freuen solle.

Ich verdächtigte meinen Frauenarzt mich zu belügen, als er mir immer wieder versicherte, dass alles in Ordnung sei. Ich wusste, dass etwas nicht stimmte.

In der 16. SSW starrte ich auf den Monitor beim Ultraschall. Ich wusste sofort, dass da kein Fruchtwasser mehr war. Ich sagte es ihm und er bestätigte es. Ich fing laut an zu lachen. Ja, ich lachte ihn förmlich aus. Anschließend fuhr ich nach Hause, doch ich wäre am liebsten gegen den nächsten Baum gefahren.

Es folgten wieder Wochen der Ungewissheit. Doch ich war mir sicher, dass diese Tochter es schaffen würde. Ich wollte nicht hören, dass auch sie mich verlassen könnte.

Ich kaufte alles für sie, bereitete alles vor. Ich bekam künstliches Fruchtwasser für die Entwicklung ihrer Lungen. Am Grab ihrer großen Schwester bat ich sie um ein Zeichen und verbrannte mich kurz danach an der Kerze, die ich aufgestellt hatte, genau an der Stelle, wo ich ihren kleinen Handabdruck tätowiert habe. Es war ein Zeichen. Wir informierten uns genau über das Leben mit ihr an der Dialyse. Ich wusste, dass es klappen würde, denn man wächst mit steigenden Herausforderungen über sich hinaus.

In der 31.SSW platzte die Fruchtblase. Dieser kleine Dickkopf ließ sich nicht mehr aufhalten und wurde am 18.11.16 per Kaiserschnitt entbunden. Sie schrie uns an. Sie war so ein Rabauke. Ihr Papa saß weinend neben mir und sie brachten sie fort.

Als ich sie später sehen durfte war ich hingerissen. Stolz präsentierten wir sie unseren Eltern. Nur mein Papa schien skeptisch. Er hatte selber auf der Kinderintensiv gearbeitet. Er wusste, wie viele Medikamente sie bekam, dass sie sie die ganze Zeit reanimierten, wie schlecht ihre Werte waren.

Ich war sauer, wollte so etwas nicht hören! Für mich war immer klar, dass mein Kind leben wird.

Nachts dann, ging es Eliana sehr schlecht. Man brachte mich zu ihr. “Eliana ist sehr krank”, sagte die Oberärztin. Ich bekam keine Luft und hyperventilierte.

Eliana ging am nächsten morgen. Ich war so naiv, dachte jetzt wo sie die 24h gepackt hatte, könne nichts mehr passieren.

Ich ging duschen, aß etwas und dann gingen wir zu ihr. Ich hörte sie, wie sie um ihr Leben kämpfte. Aber ihre Lungen und Nieren arbeiteten nicht. Noch heute hasse ich mich für diesen morgen. Warum aß und duschte ich? Warum bin ich nicht sofort zu ihr! Die Antwort ist: Ich dachte wir wären in Sicherheit.

Ich durfte sie nie streicheln, nur anfassen. Doch an diesem Morgen legten die Ärzte sie mir in die Arme. Zum Sterben.

Der Arzt hörte, ob ihr Herz noch schlägt, dann schaute er auf die Uhr und notierte den Zeitpunkt des Todes. Wie in einem Film. Sie lag im Abschiedsraum. Immer wieder ging ich zu ihr, nahm sie auf den Arm, zog sie um, schimpfte mit ihr und flehte sie an die Augen aufzumachen. Danach stand ich vor der Glastür der Frühchenintensiv. Ich starrte rein. Ich wollte Antworten. Eliana’s Krankenschwester kam und ich warf ihr vor, dass sie mein Kind nicht retten konnten.

Warum können sie Kinder retten, die in der 22.SSW geboren werden, aber mein Kind nicht? Ich suchte jemanden auf den ich meinen Hass projizieren konnte.

Irgendwann wusste ich, dass ich mich von ihr verabschieden muss. Mich von meinen Kindern zu verabschieden war das Schlimmste, was ich in meinem Leben durchmachen musste.

Bei beiden habe ich mich sofort selber entlassen, ich würde sonst heute noch mit meinen toten Babys im Arm dort sitzen und sie hin und her wiegen.

You Might Also Like

2 Comments

  • Reply Yasemin 27. April 2017 at 14:14

    Mir fehlen die Worte:( es tut mir so unendlich leid was euch passiert ist. Ich wünsche euch ganz viel Kraft:(

  • Reply Claudia Sale 27. April 2017 at 16:19

    Es treibt mir die Tränen in meine Augen…..warum nur passiert sowas!!?
    Ich selbst habe 4 gesunde Kinder und bin dafür mehr als dankbar,gleichzeitig muss ich aber immer an all die Mamas denken die nicht ihre Kinder bei sich haben dürfen……es ist soooo unfair!
    In unserer Familie mussten 2 meiner Schwägerinnen auch ihre Babys gehen lassen bzw. sie wurden still geboren.Beide haben heute aber auch eins bzw.2 Kinder an ihrer Hand und die anderen immer in ihren Herzen!!!
    Ich wünsche jeder Sternenmami und natürlich auch den Sternenpapis das sie noch ein kleines Wunder in ihrer Mitte begrüßen dürfen!

  • Leave a Reply